Zum Mitmachen: Videos zur Solidarität mit protestierenden Menschen mit Behinderung in Belarus
Die Demonstrationen und Märsche der letzten Monate gehören in Minsk und vielen anderen Städten in Belarus mittlerweile zum Alltag im Stadtbild. Seit dem 15.10. gehen auch Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und Unterstützer*innen auf die Straße. Unter dem Motto „Marsch der (Nicht-)Behinderten“ demonstrieren die Teilnehmenden seither für freie Wahlen und gegen die Gewalt, welche die Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierende Menschen einsetzen. Wie momentan in Belarus üblich wird auch ihnen vom Lukashenka-Regime mit Gewalt und Festnahmen begegnet.
Wir von Kanikuli begrüßen die Initiative der (Nicht-)Behinderten, denn es ist nicht nur ein Statement gegen Gewalt, sondern auch ein Empowerment von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen. Dieses Empowerment möchten wir gerne unterstützen und daher gemeinsam mit euch ein Solidaritätsvideo aufnehmen.
Das Ziel ist es möglichst viele diverse Videos zu haben. Wir werden diese dann zu einem gemeinsamen Film zusammen schneiden und diesen im Internet veröffentlichen. Wie genau du das Video gestalten willst ist dir relativ frei gestellt. Wichtig ist, dass durch Sprache (z.B. russisch, belarusisch, deutsch, english, Gebärdensprache), Plakate oder Symbole eine Solidaritätsbekundung mit Menschen mit Behinderung und anderen Protestierenden in Belarus stattfindet.
Was muss ich beachten?
Horizontale Aufnahme
Nicht länger als 30sek.
Störgeräusche von außen möglichst vermeiden.
Video anschließend über wetransfer.com oder ein anderes filesharing-Programm an lina.mueller@kanikuli-ev.de senden.
Bitte sende dein Video bis zum 15.03.2021 an uns.
»Es ist nicht furchtbar Mutter eines Sohnes im Rollstuhl zu sein. Es ist furchtbar, die Mutter eines Banditen mit Maske zu sein.« (Anm.: Die Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen tragen Masken, die sie unkenntlich machen)
Für das inklusives Café-Projekt hat sich Kanikuli e. V. sehr über die kostenlose Rechtsberatung durch das belarusische „Büro für Rechte von Menschen mit Behinderungen“ gefreut. Aktuell wird das „Büro“ juristisch verfolgt und die beiden Kernpersonen wurden inhaftiert bzw unter Hausarrest gestellt. Wir möchten die durchweg positive Zusammenarbeit und ausgesprochen wichtige Rolle des „Büros“ in der Umsetzung der rechtlichen Ansprüche von Menschen mit Behinderungen in Belarus betonen.
Die Zeitschrift IMENA hat einen russischsprachigen Artikel dazu veröffentlicht. Im folgenden veröffentlichen wir eine leicht redigierte automatische Übersetzung von deepL.
Sergej Drosdowskij
»Nötige Leute«
Warum das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Belarus gebraucht wird.
Der Direktor und der Anwalt des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen Sergej Drosdowskij und Oleg Grabljowskij wurden strafrechtlich verfolgt. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten werden Sergej und Oleg des Betrugs verdächtigt. Oleg wird im temporären Haftzentrum ‚Okrestina‘ festgehalten, während Sergej unter Hausarrest steht. Vor der Verhaftung brachten Oleg und Sergej zum Ausdruck, dass der Druck auf das Büro im Zusammenhang mit ihren Menschenrechtsaktivitäten stand. Jetzt ist die Arbeit des Amtes gelähmt, den Bedürftigen wird die Hilfe vorenthalten. Svetlana Kolontaj kann von den Mitarbeitern des Büros keinen Rechtsbeistand bekommen – das Sozialamt droht, ihr Kind ins Internat zu bringen. Denis Jurkow kann nicht ohne Oleg vor Gericht gehen – gemeinsam wollten sie Änderungen in der Gesetzgebung vornehmen und die Frage der Arbeitsrenten für Menschen mit Behinderungen vereinfachen. Das kleine Team des Büros hat viel Arbeit für Belarus geleistet. Wir sprachen mit den Mentees und Partnern der Organisation über die Hilfe, die das Büro für Menschen mit Behinderungen leistet und warum es so wichtig ist, dass diese Arbeit fortgesetzt wird.
Das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation, die ihre Arbeit im Jahr 2010 aufgenommen hat. Die Mission des Teams ist es, die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen zu verändern, Barrieren und Vorurteile abzubauen. Neben der Durchführung von Informationskampagnen und der Vorbereitung von Änderungen in der belarusischen Gesetzgebung bot das Büro Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen kostenlose Rechtshilfe an. Die Öffentliche Kammer bearbeitete mehr als tausend Einsprüche pro Jahr.
2016 ratifizierte Belarus die UN-Behindertenrechtskonvention. Das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.
Das Büro ist ein langjähriger Partner von IMENA. Unsere Kolleg*innen haben auf unsere Bitten, in schwierigen Situationen zu helfen, immer heldenhaft reagiert. Sie waren dabei, als die Behörden Sergej Barantschuk und Jelena Fjodorowitsch ihren Sohn wegnahmen, weil ihrer Meinung nach Menschen mit Behinderungen keine Eltern sein können. Sie berieten, wie die Rechtsfähigkeit wiederhergestellt werden kann, damit Menschen wie Jura Kusmin selbst entscheiden können, wo sie leben, mit wem sie kommunizieren und wo sie arbeiten. Das Team des Büros nahm am IMENA-Projekt Coronavirus: PSA für Sozialarbeiter und ältere Menschen teil: Sie halfen bei der Erstellung eines Fragebogens für soziale Einrichtungen und wählten Organisationen aus, die dringend PSA benötigten.
»Es ist nicht die Schuld eines Menschen mit einer Behinderung, dass er sich nicht in die von uns geschaffenen Rechtsverhältnisse einfügen kann. Er ist diese Art von Mensch – und damit muss man rechnen. Wenn wir Bedingungen schaffen, in die eine Person nicht hineinpassen kann, müssen wir erkennen, dass es unser Problem ist. Und es liegt in unserer Verantwortung, Einstiegspunkte für Menschen in das System zu schaffen.«
Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)
Swetlana Kolontaj, Mutter eines Sohnes mit einer Behinderung
– Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Jahr 2016 ins Krankenhaus fuhr, um meinen Sohn Serafim zu besuchen. Meine Beine zitterten und meine Hände zitterten – sie wurden wie Watte. Ich ging und dachte: „Gott schenke dir das Leben, mein Sohn! Ein Fußballtor in der Schulturnhalle fiel auf Serafim – er war damals 10 Jahre alt. Beidseitige offene Schädelfraktur und 11 Tage auf der Intensivstation. Er wurde sofort auf dem linken Ohr taub. Und nun begann sein rechtes Ohr taub zu werden. Psychische Probleme, wird leicht müde und wenn ihm etwas nicht gelingt, wird er nervös und fängt an, Augenticks zu haben. Ständige Kopfschmerzen.
Ich bin nach dieser Situation an verschiedene Orte gegangen und habe alles gemacht – überall gab es Ablehnungen. Bis ich zum Büro ging. Ich habe 2016 an Oleg Walerjewitsch [Grabljowskij] geschrieben, dann bin ich mit den Dokumenten zu ihm gekommen, er hat sie sich angesehen und gesagt: „Ich habe alles verstanden“. Und seitdem und bis heute helfen er und Sergej Jewgenijewitsch [Drosdowskij] mir. Zuerst halfen sie mir, mein Kind als behindert anzumelden, dann halfen sie mir, bei Gericht einen Antrag auf Eröffnung eines Strafverfahrens zu stellen. Das Gericht hat den Fall zu den Akten gelegt. Dann sagte Oleg Walerjewitsch zu mir: „Lassen Sie uns versuchen, eine Entschädigung für die Behandlung des Kindes zu beantragen. Wir haben das Gericht gewonnen – die Schule musste uns 10 Tausend Rubel zahlen. 5.000 wurden bezahlt, 5.000 sind noch nicht bezahlt.
Meine Probleme waren damit noch nicht zu Ende. Kürzlich sagten die Vormundschaftsbehörden, dass sie Serafim in ein Internat bringen würden. Denn ich habe keine feste Unterkunft für das Kind – das Wohnheim, in dem wir waren, wurde geschlossen. Das Büro half mir wieder – und wir bekamen eine Sozialwohnung zugewiesen – eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wir haben zwei behinderte Menschen in der Familie – Serafim und meinen Mann. Er wurde 2010 geschlagen und kann seither nicht mehr gehen, nur noch die Hände funktionieren.
Am 18. Februar habe ich eine Verhandlung: Sie werden entscheiden, ob mein Sohn bei mir bleiben darf. Das Büro half mir bei der Vorbereitung. Sergej Jewgenjewitsch beruhigte mich: „Alles wird gut, mach dir keine Sorgen, wir werden dir helfen“. Ich weiß nicht, was jetzt sein wird. Schließlich wissen Sie, wie es vorher war? Als ich einige Papiere bekam, schrieb ich sofort an Oleg Walerjewitsch – dies und jenes. Er hat es mir erzählt: „Bringen Sie es zu mir und wir werden das Problem lösen“. Keine Ablehnungen.
Enira Bronizkaja, Juristin, arbeitete in den ersten fünf Jahren nach der Gründung für das Büro
– Organisationen von Menschen mit Behinderungen hat es in Belarus schon immer gegeben. Aber sie wurden nach verschiedenen Arten von Behinderungen unterteilt. Alle waren durch die Belarusische Gesellschaft der Behinderten vereint. Aber es war immer noch das sowjetische Erbe. Dort gab es einen sozialmedizinischen Ansatz. Gleichzeitig betrachtete niemand die Menschen mit Behinderungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Rechte. Sie waren immer ein Objekt der Hilfe und kein Subjekt, das Rechte hatte. Das Büro nahm eine andere Position ein – es beschäftigte sich mit den Rechten von Menschen mit Behinderungen.
Ich habe im Büro gearbeitet, als es anfing. Die ersten fünf Jahre waren wir sehr stark mit der Arbeit am Beitritt von Belarus zur UN-Behindertenrechtskonvention beschäftigt. Wir hatten die Kampagne „Unterschreibe mit deinem Herzen“. Wir haben gesagt, dass die Konvention alle betrifft, nicht nur Menschen mit Behinderungen. Eine große Anzahl von Organisationen hat sich der Kampagne angeschlossen. Denn es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen Teil der Gesellschaft sind und es um jeden geht. Auch Unternehmen und verschiedene andere Strukturen schlossen sich der Kampagne an.
Vom ersten Jahr an funktionierte der öffentliche Empfangsraum. Nicht nur Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen haben sich damit auseinandergesetzt, sondern auch Organisationen und Strukturen, die ihre Mitarbeiter*innen mit Behinderungen in irgendeiner Weise schützen wollen. Wir haben Beratungen über eine barrierefreie Umgebung durchgeführt, haben gesagt, wie es gemacht werden kann.
Wir haben immer juristische Notizen gemacht und mit den Medien zusammengearbeitet – wir haben Informationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen veröffentlicht. Das Büro positionierte sich als Menschenrechtsorganisation. Wir haben mit verschiedenen Strukturen zusammengearbeitet. Wir haben zum Beispiel viel mit dem Ministerium für Arbeit und Sozialschutz zusammengearbeitet. Immerhin konzentrierte das Amt Expert*innenen mit Spezialwissen, und es gab viele Ideen, wie man das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern könnte.
Sergej Dikman, Koordinator für Projekte des Europarates
– Unsere Organisation hatte mehrere Projekte in Belarus. Es handelte sich nicht um Partnerschaftsprojekte mit dem Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Wir haben Sergej Drosdowskij persönlich als Experten hinzugezogen. Das letzte Projekt war letztes Jahr; es ging um die Strafjustiz in Belarus. Im weiteren Sinne ging es um Bildung im Bereich der Menschenrechte. Und Sergej war zu dieser Zeit Berater und Trainer. Er sprach über internationale Standards zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen, darüber, wie die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen aussehen kann. Es war sehr wertvoll, dass er die internationale Praxis mit den Geschehnissen in Belarus in Verbindung bringen konnte. Sergej war immer sehr ausgewogen in seiner Einschätzung dessen, was die belarusischen Behörden taten. Das Office-Team kam im Dialog mit den Behörden immer mit konkreten Vorschlägen heraus – was verbessert werden sollte.
Aleksandr Awdewitsch, Gründer von „Inclusive Barista“, einem für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Coffee Shop
– Wir beschäftigen hauptsächlich Menschen mit Behinderungen. Wenn sich also rechtliche Fragen ergeben, die das Geschäft betreffen, oder wenn wir irgendwo eine barrierefreie Umgebung schaffen müssen, wenden wir uns natürlich sofort an das Amt für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Wir kennen das Team des Office schon lange, wir sind Freunde. Wahrscheinlich seit 2013 oder 2014. Sie haben kürzlich unsere Baristas beraten, als sie für die Teilnahme an Kundgebungen mit einer Geldstrafe belegt wurden.
Wir haben nicht nur Mitarbeiter*innen, die Menschen mit Behinderungen sind, sondern auch einige unserer Besucher*innen. Und viele von ihnen haben selbst einige Fragen, die in unseren Cafés am häufigsten gestellt werden – und wie es ist, und irgendwie. Zum Beispiel, wie man die Frage mit der Rente, mit dem Taschengeld löst. Und das Office hilft bei diesem Vorhaben sehr. Denn es gibt ein Telefon – sie werden Ihnen alles sagen. Damit wir nicht etwas erfinden und nicht lügen, nicht unsere eigene Version erzählen. Es ist sehr cool, dass es eine einzige Nummer gibt, wo man anrufen kann. Dies ist der einzige Ort wie dieser, den ich den Leuten so empfehlen kann.
»Zunächst wurden die Menschenrechte an das Bild eines weißen jungen Mannes „angepasst“. Erst später mussten wir die Rechte immer wieder klären und zu einem Diskriminierungsverbot kommen, um die Rechte aller Menschen zu berücksichtigen. Wir befinden uns jetzt in der gleichen Phase der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Es gibt einen bestimmten „normalen“ Menschen, er schafft die Lebensbedingungen für sich selbst und verweigert anderen die Verantwortung. Dies ist nicht richtig.«
Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)
Denis Jurkov, Mensch mit Behinderung
– Im Jahr 2001 wurde ich am Gehirn operiert – dort befand sich eine Zyste. Nach der Operation fing ich an, Krampfanfälle zu bekommen. Im Jahr 2008 wurde meiner Mutter gesagt, dass es notwendig sei, eine Behinderung der Gruppe 3 zu beantragen. Wir haben es geschafft, und ich habe sofort einen Job bekommen. Ich erhielt ein Gehalt und eine Sozialrente wegen Arbeitsunfähigkeit. Schließlich dachte ich, wie viele Menschen, dass nur ältere Menschen Arbeitsrenten bekommen. Aber es stellte sich heraus, dass sie es nicht taten.
2019 habe ich zufällig eine Frau kennengelernt, die mir erklärt hat: Sie können eine Erwerbsminderungsrente bekommen, Sie sind behindert. Ich rief die Sozialversicherung an – sie sahen es sich an und sagten – es stimmt, Sie haben bereits 10 Jahre gearbeitet. Es stellte sich heraus, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur die Sozialrente, sondern auch eine Arbeitsrente erhalten können (und diese ist größer), wenn mindestens eine Mindestdienstzeit vorliegt. Mir wurde gesagt, dass sie mich von einer Sozialrente in eine Beschäftigungsrente überführen können. Ich habe angefangen, 40 Rubel mehr zu bekommen.
Danach habe ich beschlossen, dass es ein Problem gab – es musste gelöst werden. Warum hat mich niemand gewarnt? Es wäre einfacher gewesen, zu schreiben: Sozialrente für Behinderte, Arbeitsrente für Behinderte. Ich habe ausgerechnet, dass ich 10 Jahre lang um etwa 1.000 Dollar unterbezahlt war.
Ich bin zu einem bezahlten Anwalt gegangen. Ich wollte die 1.000 Euro erstattet bekommen. Der Anwalt verwies mich an das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie sagten mir, wenn du bereit bist, werden wir mit dir arbeiten. Und wir haben angefangen. Oleg Grabljowskij half mir, Beschwerden und Berufungen an das Gericht zu verfassen. Am Ende haben wir das Geld nicht zurückbekommen. Aber wir hatten ein neues Ziel – wir wollten, dass Menschen mit Behinderungen über ihr Recht auf eine Beschäftigungsrente lernen. Oleg wollte vor das Verfassungsgericht ziehen. Aber dazu ist es noch nicht gekommen. Aber wir wurden auch so schon gehört – und es stellte sich heraus, dass die Leute anfingen, schriftliche Mitteilungen zu erhalten. Sie wurden zu einem Termin eingeladen, um von einer Sozialrente zu einer Beschäftigungsrente zu wechseln.
Mir ist jetzt klar, was für ein Glück ich hatte, in das Büro zu kommen. Als ich zu einem bezahlten Anwalt ging, dachte ich – naja, ja, das wird Geld kosten. Die Beratung, wurde mir gesagt, 50 Rubel. Später, als ich durch die Gerichte ging, dachte ich an all die Konsultationen mit Oleg Grabljowskij. Wenn ich das alles mit einem bezahlten Anwalt gemacht hätte, hätte ich am Ende mit einer hohen Rechnung dagestanden. Und schnell hätte ich wahrscheinlich meine Hände fallen lassen. Ich hätte gedacht, dass das alles nutzlos sei und das Geld nur vergeudet würde. Aber hier ist Oleg immer bei mir: Er geht zum Gericht, sitzt auf dem Flur, wir gehen gemeinsam in den Saal. Ich war die ganze Zeit besorgt, in einer Pause frage ich ihn – was soll ich sagen? Er würde mir alles erzählen. Generell würde ich nicht ganz alleine dorthin gehen.
Olga Dominikewitsch, Direktorin der sozial-karitativen Einrichtung „Es gibt etwas zu tun“
Unser Team besteht schon seit längerer Zeit in anderen Organisationen. Wir waren als Angestellte im NGO-Sektor tätig. Aber 2019 haben wir uns entschlossen, unsere eigene Einrichtung zu registrieren. Wenn ich einen Rat brauchte, wie ich die Organisation fördern sollte, welche Entscheidungen ich treffen sollte, war die erste Person, zu der ich lief, Sergej Drosdowskij. Als ich einen Rat in einem beruflichen Bereich brauchte, der mit Menschen mit Behinderungen und dem Schutz von Rechten zu tun hatte, wandte ich mich an Sergej. Und ich weiß, dass ich bei weitem nicht alleine bin.
Unsere Einrichtung hilft Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Wir haben uns bewusst entschieden, uns mit der Registrierung nicht einzuschränken, obwohl die engste Zielgruppe für uns Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind, die in Waisenhäusern leben. Jetzt haben wir Erwachsene, die in psycho-neurologischen Wohnheimen leben, denn von April 2019 bis zum Beginn der Quarantäne im Jahr 2020 haben wir eineinhalb Jahre lang als Freiwillige in den Kinder- und Erwachsenenwohnheimen gearbeitet.
Als COVID zuschlug, war das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen das erste, das öffentlich Alarm über die Situation in den Heimen schlug. Sergei und ich haben es besprochen. Wir hatten große Angst vor einer Wiederholung der europäischen Geschichte, als Menschen in den Heimen während der Quarantäne starben. Gemeinsam mit dem Amt haben wir eine Initiative wie in Russland ins Leben gerufen. Dort beschlossen Freiwillige von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die schwersten Kinder für die Dauer der Epidemie aus den Heimen zu nehmen. Auf diese Weise gelang es ihnen, mehrere Dutzend Menschen zu retten, die sonst vielleicht gestorben wären.
Das Büro initiierte einen offenen Brief an das Ministerium für Arbeit und Sozialschutz. Darin schlug es vor, zu diskutieren, wie NGOs während der Epidemie helfen könnten. Wir waren bereit, nach Freiwilligen zu suchen, die sowohl Kinder als auch ältere Menschen vorübergehend nach Hause bringen konnten. Sergei schlug vor, dass wir so oft wie möglich Leute aus den Heimen auf Heimaturlaub nehmen könnten. Aber die Vorschläge wurden nicht angenommen. Dann haben wir gemeinsam mit dem Amt beschlossen, eine Aktion zu starten, um Spenden für die Waisenhäuser zu sammeln. So konnten wir rund 50 Einrichtungen helfen. Es handelt sich um Waisenhäuser, einschließlich der allgemeinen Art von Heimen, in denen ältere Menschen untergebracht sind. Und, zum Beispiel, ein Aufnahmezentrum für minderjährige Kinder in Okrestina. Wir gaben ihnen Spenden und medizinische Geräte, die wir ergattern konnten.
Olga Smoljanko, Direktorin, Lawtrend Legal Information Centre
Unsere Organisation kooperierte mit dem Büro, wir arbeiteten gemeinsam an Appellen an internationale Organisationen, an gemeinsamen Erklärungen – an systemischen Veränderungen. Unsere Tätigkeitsbereiche decken sich – wir sind auch eine Menschenrechtsorganisation. Wir setzen uns für die Einhaltung der Menschenrechte in Belarus ein, einschließlich der Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Herr Drosdowskij ist ein Experte des Europarates und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF). Und Oleg Grabljowskij arbeitete mit UNDP – dem UN-Entwicklungsprogramm. Wenn wir nicht über internationale Organisationen sprechen, weiß ich, dass Oleg eng mit der Krebspatientenorganisation „In the Name of Life“ zusammengearbeitet hat – er hat deren Patienten beraten. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Belarus der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einem großen Teil aufgrund der Bemühungen des Büros beigetreten ist. Nach dem Beitritt überwachte das Büro die Umsetzung der Konvention.
Wir verfolgen die Situation, die sich jetzt mit dem Büro ereignet. Belarusische Menschenrechtsorganisationen verbinden den Druck auf das Büro mit ihren Menschenrechtsaktivitäten. Insbesondere durch den Abschluss von Verträgen mit mehreren Rechtsanwält*innen, die Menschen mit Behinderungen helfen. Seit 10 Jahren führt das Büro systematisch Beratungen für Menschen mit Behinderungen durch, setzt sich für Änderungen in der Gesetzgebung in Bezug auf Menschen mit Behinderungen ein und führt Bildungsaktivitäten durch, um die Einstellung von Menschen mit Behinderungen zu ändern. Wir hoffen, dass die Schikanen des Büros ein Ende haben und sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können.
»Wir sollten alle hart arbeiten und die richtigen Leute an der richtigen Stelle denken lassen. Wir müssen die Frage der Rechte von Menschen mit Behinderungen ernster nehmen und dabei alle Umstände, das gesamte Wissen, das wir haben, und die Meinungen aller Fachleute im Lande berücksichtigen. Dies ist sehr wichtig.«
Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)
Mitte Januar erreichte uns die frohe Kunde dass die Weihnachtspäckchen, die wir Ende Dezember auf die Reise gegeben haben in Belarus angekommen sind und dort für viel Freude unter den Bewohnern der Heime in Novinki gesorgt haben, wie sie auch den Bildern entnehmen können. An dieser Stelle nochmal ein ganz großes Dankeschön an alle die ein Päckchen gestiftet haben!
Viele unserer Unterstützer*innen haben sich an unserer Weihnachtspäckchenaktion beteiligt. Für die Weihnachtspäckchen haben wir mit einer Berliner Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet. So konnten wir viele Päckchen sammeln. Bisher erhalten 73 Bewohnerinnen und Bewohner der Heime in Novinki und Vjacha Weihnachtspost!
Einige der Päckchen werden direkt nach Minsk geschickt. Die anderen hat unser Mitglied Evelyn gesammelt und sie gemeinsam mit ihren Kindern zu dem Verein Tabea e.V. gebracht, der Hilfstransporte nach Belarus organisiert und unsere Pakte auf ihrem Weihnachtstransport mitnimmt. Wir hoffen nun, dass die gerade bestehenden langen Schlangen an der Grenze unsere Päckchen nicht lange aufhalten und sie rechtzeitig zu Weihnachten bzw. zum neuen Jahr, welches in Belarus das größere Fest ist, ankommen.
Unsere gesammelten Päckchen auf dem Weg zum HilfstransportAuch der letzte freie Platz musste ausgenutzt werdenEvelyn mit tatkräftiger Hilfe
Schon in Jahren ohne Corona gibt es für Menschen mit Behinderungen, die in Minsk in Heimen leben, meist eine Winterquarantäne und dadurch lange Wochen ohne Besuch und ohne Ablenkung.
Die Corona-Pandemie hat die Isolierung und Einsamkeit der Bewohner*Innen noch einmal verschärft. Auch wenn wir daran nichts ändern können wollen wir gemeinsam mit euch aufmuntern, Lichtblicke nach Minsk schicken und in Kontakt bleiben. Daher wird Kanikuli e.V. dieses Jahr erstmalig eine Weihnachtspäckchen- Aktion starten.
Wie funktioniert es? • Wenn ihr Lust habt mitzumachen, kontaktiert uns unter weihnachtspost@kanikuli-ev.de. • Ihr bekommt einen Namen und Kontaktdaten einer Person aus dem Behindertenheim und dazu ein paar Informationen, was ihr so schenken könnt. • Ihr packt ein Päckchen und/oder schreibt einen Brief. Wenn ihr dabei Anregungen oder Übersetzungshilfen braucht, schreibt uns und wir helfen gerne. • Ihr schickt das Päckchen direkt nach Minsk oder zu unserer Sammelstelle. Von dort aus werden die Pakete gesammelt mit einem Hilfstransport des Vereins Tabea e.V. nach Belarus geschickt. • Wenn ihr eure Kontaktdaten angebt, könnt ihr euch vielleicht über eine Antwort freuen.
Wichtig: • Pakete werden vom Zoll geöffnet. Bitte alles daher so einpacken, dass der Zoll gut drankommt, ohne etwas kaputt zu machen. • Bitte nichts schnell Verderbliches einpacken. • Ihr könnt uns Pakete bis zum 15.12.2020 schicken. Die Adresse der Sammelstelle könnt ihr bei uns erfragen. • Für Fragen, Anregungen und um mitzumachen schreibt uns an weihnachtspost@kanikuli-ev.de
Die Demonstrationen und Märsche der letzten Wochen gehören in Minsk und vielen anderen Städten in Belarus mittlerweile zum Alltag im Stadtbild. Gestern jedoch fand eine besondere Demonstration statt.
Unter dem Motto „Marsch der (Nicht-)Behinderten hatte sich eine Demonstration organisiert. An ihr nahmen Menschen mit Behinderungen, Eltern von Kindern mit Behinderungen sowie ihre Unterstützer*innen statt. Die Teilnehmer*innen forderten freie Wahlen und protestierten gegen die Gewalt, welche die Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierende Menschen einsetzen.
Eine Teilnehmerin sagte über ihre Mitwirkung: „Ich dachte, das ist eine ausgezeichnete Idee – eine Demonstration von Menschen mit Einschränkungen. Weil wir eine soziale Gruppe sind, die aufgrund der Umstände am Ufer politischer und sozialer Ereignisse bleibt. Ich finde das ist eine sehr wichtige Aktion.“ (Zitiert nach euroradio.fm; https://euroradio.fm/ru/marsh-neinvalidov-prohodit-v-minske)
Eine Mutter trat mit einem Plakat auf, auf dem stand: „Es ist nicht furchtbar Mutter eines Sohnes im Rollstuhl zu sein. Es ist furchtbar, die Mutter eines Banditen mit Maske zu sein.“ (Anm.: Die Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen tragen Masken, die sie unkenntlich machen. Demonstrierenden ist es verboten, ihre Gesichter zu verdecken.)
Seit gut zwei Monaten wird nun schon in Belarus gegen Lukaschenka demonstriert.
Uns von Kanikuli beschäftigen die Ereignisse in Minsk nicht nur weil sie unsere Arbeit vor Ort beeinflussen sondern auch, weil viele von uns im Rahmen unseres Freiwilligendienstes in Minsk gelebt haben. Demonstrationen finden an Ecken der Stadt statt, die wir selber viele Male besucht haben. Wir haben Freund*innen und Bekannte vor Ort um die wir bangen. Einige von ihnen wurden im Rahmen der Proteste festgenommen, saßen oder sitzen noch im Gefängnis. Viele von uns verfolgen die Ereignisse sehr genau. Daniel, ein Mitglied von Kanikuli war Ende September in Minsk und hat seine Eindrücke in einem Blog aufgeschrieben.
PS: Wer unsere Arbeit auch finanziell unterstützen möchte: Wir sammeln momentan Spenden speziell für die Corona-Hilfe in Belarus, um die Lage der Menschen in den Heimen zu verbessern. Mit dem Geld wird dringend benötigte Schutzausrüstung etc. angeschafft. Weitere Infos sind hier auf der Website unter der Rubrik „Corona“. Kontoinhaber: Kanikuli e.V. ,Bank: GLS Bank, IBAN: DE64 4306 0967 4018
„Wir führen unsere eigenen Berechnungen“ – Mitarbeitende einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung in Minsk melden kranke Ärzt*innen.
Фото: Ксения Голубович
8.Mai 2020, Lyubov Kaspierovich
TUT.BY Der Ausbruch von COVID-19 in einem weiteren Heim wurde bekannt. Den Informationen zweier Quellen zufolge wurde das Coronavirus bei mehreren Mitarbeitenden des psychoneurologischen Internats Nr.3 in Minsk nachgewiesen. Laut einem der Ärzte sei es schwierig, die genaue Anzahl der Erkrankten unter den Bewohnenden zu bestimmen. Das Heim (PNI/psychoneurologisches Internat) Nr.3 für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen befindet sich in der Vygotsky-Straße im Mikrobezirk Novinki. Die ersten Fälle der Krankheit traten im April auf. Zunächst wurde nur eine Station geschlossen, in der etwa fünfzig Personen lebten. Inzwischen wurden auch die anderen Stationen geschlossen, erzählen Angestellte des Heims.
Seit April arbeiten die Heimmitarbeitenden nach einem neuen Arbeitsplan. Während früher in 12- und 24-Stunden-Schichten gearbeitet wurde, gehen die Mitarbeitenden derzeit für 14 Tage in die Schicht, sie arbeiten und leben zwei Wochen im Heim, ohne nach Hause zu gehen. Die Heim-Mitarbeitenden beendeten die erste zweiwöchige Schicht am 30. April. Vor Verlassen des Geländes wurden bei den Mitarbeitenden Tests auf das Coronavirus durchgeführt. Mindestens 20 von ihnen hatten ein positives Testergebnis, sagt einer der Gesprächspartner. Insgesamt waren rund 80 Personen im Dienst. „Diese Informationen sind inoffiziell. Da die Leitung keine Zahlen bekannt gibt, führen wir unsere Berechnungen selbst durch“, sagte ein Informant. Wie viele Erkrankte unter den Bewohnenden sind, wissen die Mitarbeitenden laut dem Mediziner nicht. Am 21. April nahmen sowohl Mitarbeitende als auch alle Bewohnenden Abstriche zur Untersuchung auf das Coronavirus, insgesamt waren es mehrere hundert. Die Ergebnisse seien ihm nicht bekannt. „Ich konnte durchsetzen, die Tests von den Mitarbeitenden zu Beginn oder Ende der Schicht zu erhalten.“ Es ist klar, dass es Krankheitsfälle unter den Bewohnenden gibt, da Ärzt*innen während einer zweiwöchigen Schicht nur bei der Arbeit infiziert werden konnten. Aber wie viele es sind, weiß niemand.
Einer Quelle zufolge war der erste Erkrankte ein Bewohner, der nach der Behandlung in einem Krankenhaus, in dem ein Fall des Coronavirus registriert wurde, ins Heim zurückkehrte. Momentan verläuft der Großteil der Krankheit symptomfrei. Wenn Symptome oder Komplikationen auftreten, werden die Betroffenen ins Krankenhaus eingeliefert. Laut einem der Gesprächspartner befinden sich mehr als 10 Bewohnende in Krankenhäusern. Zur Zeit arbeitet erfahrenes sowie junges medizinisches Personal mit individuellen Schutzausrüstungen. Die Gesprächspartner stellten fest, dass dieses ausreiche, „wenn sie rational eingesetzt werden“. Die Mitarbeitenden des Internats sollen in zwei Wochen in die nächste Schicht kommen. Sie können dies jedoch auch früher tun. Es gelang nicht, den Direktor des Internats Anatoly Varenik zu erreichen. Im Heim wurde erklärt, er befinde sich zurzeit im Urlaub, die stellvertretende Leiterin des medizinischen Dienstes hat kürzlich gekündigt. Auch Zhanna Romanovich, die Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Beschäftigung und Sozialschutz des Exekutivkomitees der Stadt Minsk, konnte nicht erreicht werden.
In Belarus wurde ein offener Brief, der über die aktuelle Lage in den Heimeinrichtungen für Menschen mit Behinderung informiert, veröffentlicht. Wir bei Kanikuli e. V. haben uns entschieden, diesen Hilfeaufruf zu übersetzen.
COVID-19 PNI – Dringender
Aufruf den Internaten zu Helfen
Während einer Pandemie und dem Regime der Selbstisolation leiden die
schwächsten und verletzlichsten Bürger, diejenigen, die von anderen Menschen
abhängig sind am meisten. In Belarus leben viele Menschen mit Behinderungen in
Heimeinrichtungen: Verteilt sind ca. 18.000 Erwachsene und 1.400 Kinder auf
insgesamt 72 Heime für Erwachsene und 9 für Kinder. Unter ihnen sind viele
ältere Menschen mit chronischen Krankheiten, sowie Kinder und Erwachsene, die
eine Kombination aus mehreren schwerwiegenden Diagnosen haben.
Logischerweise sind diese Menschen sehr anfällig für Lungenentzündungen.
Verbunden mit ihren Erkrankungen und ihrer Lebensweiße ist der Mangel an einer
qualitativ hochwertigen Pflege nicht weniger ein Lebensrisiko, als das Virus an
sich.
Einige Internate haben 600-700 Einwohner, die Hälfte von ihnen haben nicht nur
Erkrankungen, sondern sind auch fortgeschrittenen Alters. Zudem ist die
überwiegende Mehrheit der Kinder, die in diesen Heimeinrichtungen leben,
Waisen.
Seit Beginn der Epidemie
wurden alle Institutionen unter Quarantäne gestellt. Jede Art von Besuchen,
Besprechungen und Übergaben sind verboten. Uns ist bewusst, dass bei Epidemien
die Verringerung der sozialen Kontakte und das Herstellen von Distanz eine
wichtige Maßnahme ist. Genauso unmöglich ist es jedoch, diese Maßnahmen in
Kinderheimen oder Internaten durchzusetzen, da Kinder und Erwachsene dort eng
aufeinander leben und eine große Anzahl von Menschen in einem Raum untergebracht
sind.
Die meisten Einrichtungen sind nach dem Korridorprinzip aufgebaut. Es gibt einen
langen Korridor und Krankenzimmer, in denen normalerweise zwischen 6 und 8
Personen, in manchen Fällen auch bis zu 20 Personen, leben. Die Angestellten
der Einrichtungen gehen zu ihrem Arbeitsplatz, in großen Einrichtungen sind das
täglich mehrere hundert Personen. Freiwillige, die Vertreter von
Drittorganisationen sind, dürfen die Einrichtungen nicht mehr betreten, aber
solche formellen Quarantänemaßnahmen reichten nicht aus.
Die Leitung des
Sozialbereiches beschloss, die Angestellten dieser Institutionen in den
Beobachtungsmodus zu versetzen, was bedeutet, dass sie in zweiwöchigen
Schichten arbeiten müssen, ohne in dieser Zeit den Arbeitsplatz verlassen zu
dürfen. Wir sind denjenigen Menschen sehr dankbar, die jetzt buchstäblich ihr
Leben und ihre Gesundheit riskieren um ihren Schützlingen beim Überleben zu
helfen. Wir danken den Kindermädchen, Pflegekräften, Erziehern,
Krankenschwestern, Ärzten, Küchenkräften, Wäschern und Wäscherinnen, all
diejenigen, die genug Menschlichkeit in sich gefunden haben, um einen
zweiwöchigen Dienst aufzunehmen.
Zurzeit haben wir Informationen über Infektionsherde in fünf Erwachsen und Kindereinrichtungen. Die Anzahl wird jeden Tag steigen.
Wie viele Menschen es
wohl sein werden, deren Leben, von der Gesellschaft unbemerkt, vorbei sein
wird? Wie viele Menschen werden wir dabei verlieren? Wie können wir sie mit
angemessener Hilfe versorgen? Wir wissen nicht, ob sie respektiert werden und
die gleichen Rechte beim Zugang zu medizinischer Hilfe haben.
Diese mutigen Menschen brauchen jetzt ganz besonders fachspezifische Mittel und Hilfen: Schutzanzüge, Atemschutzmasken, Schutzbrillen und Schutzausrüstung für die tägliche Arbeit mit an Covid-19- Erkrankten. Sie brauchen Desinfektionsmittel, Sanitätsartikel, Müllbeutel für die gefährlichen Abfälle und vor allem kontaktlose Fieberthermometer. Auch Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel sind keine überflüssigen Produkte. Die normalen Handschuhe und Masken, die es in den Heimen gibt, helfen in der jetzigen Situation nicht und auch diese reichen nicht mehr. Und wenn dann die nächste Schicht angetreten wird, ist es möglich, dass niemand mehr da ist.
Uns ist schon die tragische Erfahrung aus Italien und Spanien bekannt. Dort hausen in den Altenheimen keine hundert, sondern weitaus weniger, und dieser Häuser wurden Orte des Massensterbens durch Coronavirus und unzureichender Pflege unter den Bedingungen der Epidemie. Wir, Vertreter gemeinnütziger Organisationen, Freiwillige, und einfach fürsorgliche Menschen, kennen persönlich viele Leute, die in Heimen leben und arbeiten. Wir sind uns sicher, dass die Mitarbeiter der Heime gerade alles tun, um Menschen zu retten. Aber ohne unsere Hilfe werden sie es nicht schaffen. Lasst uns zusammen alles tun, damit sich diese Tragödie bei uns nicht wiederholt.
Kanikuli e.V. bietet die Möglichkeit an, Spenden an die Initiatoren des Spendenaufrufs weiterzuleiten. Hierfür bitten wir Sie, als Verwendungszweck der Spende „COVID19PNI“ einzutragen.