Soliaktion

Zum Mitmachen: Videos zur Solidarität mit protestierenden Menschen mit Behinderung in Belarus

Die Demonstrationen und Märsche der letzten Monate gehören in Minsk und vielen anderen Städten in Belarus mittlerweile zum Alltag im Stadtbild. Seit dem 15.10. gehen auch Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und Unterstützer*innen auf die Straße. Unter dem Motto „Marsch der (Nicht-)Behinderten“ demonstrieren die Teilnehmenden seither für freie Wahlen und gegen die Gewalt, welche die Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierende Menschen einsetzen. Wie momentan in Belarus üblich wird auch ihnen vom Lukashenka-Regime mit Gewalt und Festnahmen begegnet.

Wir von Kanikuli begrüßen die Initiative der (Nicht-)Behinderten, denn es ist nicht nur ein Statement gegen Gewalt, sondern auch ein Empowerment von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen. Dieses Empowerment möchten wir gerne unterstützen und daher gemeinsam mit euch ein Solidaritätsvideo aufnehmen.

Das Ziel ist es möglichst viele diverse Videos zu haben. Wir werden diese dann zu einem gemeinsamen Film zusammen schneiden und diesen im Internet veröffentlichen. Wie genau du das Video gestalten willst ist dir relativ frei gestellt. Wichtig ist, dass durch Sprache (z.B. russisch, belarusisch, deutsch, english, Gebärdensprache), Plakate oder Symbole eine Solidaritätsbekundung mit Menschen mit Behinderung und anderen Protestierenden in Belarus stattfindet.

Was muss ich beachten?

  1. Horizontale Aufnahme
  2. Nicht länger als 30sek.
  3. Störgeräusche von außen möglichst vermeiden.
  4. Video anschließend über wetransfer.com oder ein anderes filesharing-Programm an lina.mueller@kanikuli-ev.de senden.
  5. Bitte sende dein Video bis zum 15.03.2021 an uns.
Frau hält Plakat neben Kind im Rollstuhl

»Es ist nicht furchtbar Mutter eines Sohnes im Rollstuhl zu sein. Es ist furchtbar, die Mutter eines Banditen mit Maske zu sein.« (Anm.: Die Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen tragen Masken, die sie unkenntlich machen)

»Nötige Leute« unter Hausarrest

Für das inklusives Café-Projekt hat sich Kanikuli e. V. sehr über die kostenlose Rechtsberatung durch das belarusische „Büro für Rechte von Menschen mit Behinderungen“ gefreut. Aktuell wird das „Büro“ juristisch verfolgt und die beiden Kernpersonen wurden inhaftiert bzw unter Hausarrest gestellt. Wir möchten die durchweg positive Zusammenarbeit und ausgesprochen wichtige Rolle des „Büros“ in der Umsetzung der rechtlichen Ansprüche von Menschen mit Behinderungen in Belarus betonen.

Die Zeitschrift IMENA hat einen russischsprachigen Artikel dazu veröffentlicht. Im folgenden veröffentlichen wir eine leicht redigierte automatische Übersetzung von deepL.

Sergej Drosdowskij redet
Sergej Drosdowskij

»Nötige Leute«

Warum das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Belarus gebraucht wird.

Der Direktor und der Anwalt des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen Sergej Drosdowskij und Oleg Grabljowskij wurden strafrechtlich verfolgt. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten werden Sergej und Oleg des Betrugs verdächtigt. Oleg wird im temporären Haftzentrum ‚Okrestina‘ festgehalten, während Sergej unter Hausarrest steht. Vor der Verhaftung brachten Oleg und Sergej zum Ausdruck, dass der Druck auf das Büro im Zusammenhang mit ihren Menschenrechtsaktivitäten stand. Jetzt ist die Arbeit des Amtes gelähmt, den Bedürftigen wird die Hilfe vorenthalten. Svetlana Kolontaj kann von den Mitarbeitern des Büros keinen Rechtsbeistand bekommen – das Sozialamt droht, ihr Kind ins Internat zu bringen. Denis Jurkow kann nicht ohne Oleg vor Gericht gehen – gemeinsam wollten sie Änderungen in der Gesetzgebung vornehmen und die Frage der Arbeitsrenten für Menschen mit Behinderungen vereinfachen. Das kleine Team des Büros hat viel Arbeit für Belarus geleistet. Wir sprachen mit den Mentees und Partnern der Organisation über die Hilfe, die das Büro für Menschen mit Behinderungen leistet und warum es so wichtig ist, dass diese Arbeit fortgesetzt wird.

Das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation, die ihre Arbeit im Jahr 2010 aufgenommen hat. Die Mission des Teams ist es, die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen zu verändern, Barrieren und Vorurteile abzubauen. Neben der Durchführung von Informationskampagnen und der Vorbereitung von Änderungen in der belarusischen Gesetzgebung bot das Büro Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen kostenlose Rechtshilfe an. Die Öffentliche Kammer bearbeitete mehr als tausend Einsprüche pro Jahr.

2016 ratifizierte Belarus die UN-Behindertenrechtskonvention. Das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Das Büro ist ein langjähriger Partner von IMENA. Unsere Kolleg*innen haben auf unsere Bitten, in schwierigen Situationen zu helfen, immer heldenhaft reagiert. Sie waren dabei, als die Behörden Sergej Barantschuk und Jelena Fjodorowitsch ihren Sohn wegnahmen, weil ihrer Meinung nach Menschen mit Behinderungen keine Eltern sein können. Sie berieten, wie die Rechtsfähigkeit wiederhergestellt werden kann, damit Menschen wie Jura Kusmin selbst entscheiden können, wo sie leben, mit wem sie kommunizieren und wo sie arbeiten. Das Team des Büros nahm am IMENA-Projekt Coronavirus: PSA für Sozialarbeiter und ältere Menschen teil: Sie halfen bei der Erstellung eines Fragebogens für soziale Einrichtungen und wählten Organisationen aus, die dringend PSA benötigten.

»Es ist nicht die Schuld eines Menschen mit einer Behinderung, dass er sich nicht in die von uns geschaffenen Rechtsverhältnisse einfügen kann. Er ist diese Art von Mensch – und damit muss man rechnen. Wenn wir Bedingungen schaffen, in die eine Person nicht hineinpassen kann, müssen wir erkennen, dass es unser Problem ist. Und es liegt in unserer Verantwortung, Einstiegspunkte für Menschen in das System zu schaffen.«

Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)

Swetlana Kolontaj, Mutter eines Sohnes mit einer Behinderung

– Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Jahr 2016 ins Krankenhaus fuhr, um meinen Sohn Serafim zu besuchen. Meine Beine zitterten und meine Hände zitterten – sie wurden wie Watte. Ich ging und dachte: „Gott schenke dir das Leben, mein Sohn! Ein Fußballtor in der Schulturnhalle fiel auf Serafim – er war damals 10 Jahre alt. Beidseitige offene Schädelfraktur und 11 Tage auf der Intensivstation. Er wurde sofort auf dem linken Ohr taub. Und nun begann sein rechtes Ohr taub zu werden. Psychische Probleme, wird leicht müde und wenn ihm etwas nicht gelingt, wird er nervös und fängt an, Augenticks zu haben. Ständige Kopfschmerzen.

Ich bin nach dieser Situation an verschiedene Orte gegangen und habe alles gemacht – überall gab es Ablehnungen. Bis ich zum Büro ging. Ich habe 2016 an Oleg Walerjewitsch [Grabljowskij] geschrieben, dann bin ich mit den Dokumenten zu ihm gekommen, er hat sie sich angesehen und gesagt: „Ich habe alles verstanden“. Und seitdem und bis heute helfen er und Sergej Jewgenijewitsch [Drosdowskij] mir. Zuerst halfen sie mir, mein Kind als behindert anzumelden, dann halfen sie mir, bei Gericht einen Antrag auf Eröffnung eines Strafverfahrens zu stellen. Das Gericht hat den Fall zu den Akten gelegt. Dann sagte Oleg Walerjewitsch zu mir: „Lassen Sie uns versuchen, eine Entschädigung für die Behandlung des Kindes zu beantragen. Wir haben das Gericht gewonnen – die Schule musste uns 10 Tausend Rubel zahlen. 5.000 wurden bezahlt, 5.000 sind noch nicht bezahlt.

Meine Probleme waren damit noch nicht zu Ende. Kürzlich sagten die Vormundschaftsbehörden, dass sie Serafim in ein Internat bringen würden. Denn ich habe keine feste Unterkunft für das Kind – das Wohnheim, in dem wir waren, wurde geschlossen. Das Büro half mir wieder – und wir bekamen eine Sozialwohnung zugewiesen – eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wir haben zwei behinderte Menschen in der Familie – Serafim und meinen Mann. Er wurde 2010 geschlagen und kann seither nicht mehr gehen, nur noch die Hände funktionieren.

Am 18. Februar habe ich eine Verhandlung: Sie werden entscheiden, ob mein Sohn bei mir bleiben darf. Das Büro half mir bei der Vorbereitung. Sergej Jewgenjewitsch beruhigte mich: „Alles wird gut, mach dir keine Sorgen, wir werden dir helfen“. Ich weiß nicht, was jetzt sein wird. Schließlich wissen Sie, wie es vorher war? Als ich einige Papiere bekam, schrieb ich sofort an Oleg Walerjewitsch – dies und jenes. Er hat es mir erzählt: „Bringen Sie es zu mir und wir werden das Problem lösen“. Keine Ablehnungen.

Enira Bronizkaja, Juristin, arbeitete in den ersten fünf Jahren nach der Gründung für das Büro

– Organisationen von Menschen mit Behinderungen hat es in Belarus schon immer gegeben. Aber sie wurden nach verschiedenen Arten von Behinderungen unterteilt. Alle waren durch die Belarusische Gesellschaft der Behinderten vereint. Aber es war immer noch das sowjetische Erbe. Dort gab es einen sozialmedizinischen Ansatz. Gleichzeitig betrachtete niemand die Menschen mit Behinderungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Rechte. Sie waren immer ein Objekt der Hilfe und kein Subjekt, das Rechte hatte. Das Büro nahm eine andere Position ein – es beschäftigte sich mit den Rechten von Menschen mit Behinderungen.

Ich habe im Büro gearbeitet, als es anfing. Die ersten fünf Jahre waren wir sehr stark mit der Arbeit am Beitritt von Belarus zur UN-Behindertenrechtskonvention beschäftigt. Wir hatten die Kampagne „Unterschreibe mit deinem Herzen“. Wir haben gesagt, dass die Konvention alle betrifft, nicht nur Menschen mit Behinderungen. Eine große Anzahl von Organisationen hat sich der Kampagne angeschlossen. Denn es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen Teil der Gesellschaft sind und es um jeden geht. Auch Unternehmen und verschiedene andere Strukturen schlossen sich der Kampagne an.

Vom ersten Jahr an funktionierte der öffentliche Empfangsraum. Nicht nur Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen haben sich damit auseinandergesetzt, sondern auch Organisationen und Strukturen, die ihre Mitarbeiter*innen mit Behinderungen in irgendeiner Weise schützen wollen. Wir haben Beratungen über eine barrierefreie Umgebung durchgeführt, haben gesagt, wie es gemacht werden kann.

Wir haben immer juristische Notizen gemacht und mit den Medien zusammengearbeitet – wir haben Informationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen veröffentlicht. Das Büro positionierte sich als Menschenrechtsorganisation. Wir haben mit verschiedenen Strukturen zusammengearbeitet. Wir haben zum Beispiel viel mit dem Ministerium für Arbeit und Sozialschutz zusammengearbeitet. Immerhin konzentrierte das Amt Expert*innenen mit Spezialwissen, und es gab viele Ideen, wie man das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern könnte.

Sergej Dikman, Koordinator für Projekte des Europarates

– Unsere Organisation hatte mehrere Projekte in Belarus. Es handelte sich nicht um Partnerschaftsprojekte mit dem Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Wir haben Sergej Drosdowskij persönlich als Experten hinzugezogen. Das letzte Projekt war letztes Jahr; es ging um die Strafjustiz in Belarus. Im weiteren Sinne ging es um Bildung im Bereich der Menschenrechte. Und Sergej war zu dieser Zeit Berater und Trainer. Er sprach über internationale Standards zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen, darüber, wie die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen aussehen kann. Es war sehr wertvoll, dass er die internationale Praxis mit den Geschehnissen in Belarus in Verbindung bringen konnte. Sergej war immer sehr ausgewogen in seiner Einschätzung dessen, was die belarusischen Behörden taten. Das Office-Team kam im Dialog mit den Behörden immer mit konkreten Vorschlägen heraus – was verbessert werden sollte.

Aleksandr Awdewitsch, Gründer von „Inclusive Barista“, einem für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Coffee Shop

– Wir beschäftigen hauptsächlich Menschen mit Behinderungen. Wenn sich also rechtliche Fragen ergeben, die das Geschäft betreffen, oder wenn wir irgendwo eine barrierefreie Umgebung schaffen müssen, wenden wir uns natürlich sofort an das Amt für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Wir kennen das Team des Office schon lange, wir sind Freunde. Wahrscheinlich seit 2013 oder 2014. Sie haben kürzlich unsere Baristas beraten, als sie für die Teilnahme an Kundgebungen mit einer Geldstrafe belegt wurden.

Wir haben nicht nur Mitarbeiter*innen, die Menschen mit Behinderungen sind, sondern auch einige unserer Besucher*innen. Und viele von ihnen haben selbst einige Fragen, die in unseren Cafés am häufigsten gestellt werden – und wie es ist, und irgendwie. Zum Beispiel, wie man die Frage mit der Rente, mit dem Taschengeld löst. Und das Office hilft bei diesem Vorhaben sehr. Denn es gibt ein Telefon – sie werden Ihnen alles sagen. Damit wir nicht etwas erfinden und nicht lügen, nicht unsere eigene Version erzählen. Es ist sehr cool, dass es eine einzige Nummer gibt, wo man anrufen kann. Dies ist der einzige Ort wie dieser, den ich den Leuten so empfehlen kann.

»Zunächst wurden die Menschenrechte an das Bild eines weißen jungen Mannes „angepasst“. Erst später mussten wir die Rechte immer wieder klären und zu einem Diskriminierungsverbot kommen, um die Rechte aller Menschen zu berücksichtigen. Wir befinden uns jetzt in der gleichen Phase der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Es gibt einen bestimmten „normalen“ Menschen, er schafft die Lebensbedingungen für sich selbst und verweigert anderen die Verantwortung. Dies ist nicht richtig.«

Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)

Denis Jurkov, Mensch mit Behinderung

– Im Jahr 2001 wurde ich am Gehirn operiert – dort befand sich eine Zyste. Nach der Operation fing ich an, Krampfanfälle zu bekommen. Im Jahr 2008 wurde meiner Mutter gesagt, dass es notwendig sei, eine Behinderung der Gruppe 3 zu beantragen. Wir haben es geschafft, und ich habe sofort einen Job bekommen. Ich erhielt ein Gehalt und eine Sozialrente wegen Arbeitsunfähigkeit. Schließlich dachte ich, wie viele Menschen, dass nur ältere Menschen Arbeitsrenten bekommen. Aber es stellte sich heraus, dass sie es nicht taten.

2019 habe ich zufällig eine Frau kennengelernt, die mir erklärt hat: Sie können eine Erwerbsminderungsrente bekommen, Sie sind behindert. Ich rief die Sozialversicherung an – sie sahen es sich an und sagten – es stimmt, Sie haben bereits 10 Jahre gearbeitet. Es stellte sich heraus, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur die Sozialrente, sondern auch eine Arbeitsrente erhalten können (und diese ist größer), wenn mindestens eine Mindestdienstzeit vorliegt. Mir wurde gesagt, dass sie mich von einer Sozialrente in eine Beschäftigungsrente überführen können. Ich habe angefangen, 40 Rubel mehr zu bekommen.

Danach habe ich beschlossen, dass es ein Problem gab – es musste gelöst werden. Warum hat mich niemand gewarnt? Es wäre einfacher gewesen, zu schreiben: Sozialrente für Behinderte, Arbeitsrente für Behinderte. Ich habe ausgerechnet, dass ich 10 Jahre lang um etwa 1.000 Dollar unterbezahlt war.

Ich bin zu einem bezahlten Anwalt gegangen. Ich wollte die 1.000 Euro erstattet bekommen. Der Anwalt verwies mich an das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie sagten mir, wenn du bereit bist, werden wir mit dir arbeiten. Und wir haben angefangen. Oleg Grabljowskij half mir, Beschwerden und Berufungen an das Gericht zu verfassen. Am Ende haben wir das Geld nicht zurückbekommen. Aber wir hatten ein neues Ziel – wir wollten, dass Menschen mit Behinderungen über ihr Recht auf eine Beschäftigungsrente lernen. Oleg wollte vor das Verfassungsgericht ziehen. Aber dazu ist es noch nicht gekommen. Aber wir wurden auch so schon gehört – und es stellte sich heraus, dass die Leute anfingen, schriftliche Mitteilungen zu erhalten. Sie wurden zu einem Termin eingeladen, um von einer Sozialrente zu einer Beschäftigungsrente zu wechseln.

Mir ist jetzt klar, was für ein Glück ich hatte, in das Büro zu kommen. Als ich zu einem bezahlten Anwalt ging, dachte ich – naja, ja, das wird Geld kosten. Die Beratung, wurde mir gesagt, 50 Rubel. Später, als ich durch die Gerichte ging, dachte ich an all die Konsultationen mit Oleg Grabljowskij. Wenn ich das alles mit einem bezahlten Anwalt gemacht hätte, hätte ich am Ende mit einer hohen Rechnung dagestanden. Und schnell hätte ich wahrscheinlich meine Hände fallen lassen. Ich hätte gedacht, dass das alles nutzlos sei und das Geld nur vergeudet würde. Aber hier ist Oleg immer bei mir: Er geht zum Gericht, sitzt auf dem Flur, wir gehen gemeinsam in den Saal. Ich war die ganze Zeit besorgt, in einer Pause frage ich ihn – was soll ich sagen? Er würde mir alles erzählen. Generell würde ich nicht ganz alleine dorthin gehen.

Olga Dominikewitsch, Direktorin der sozial-karitativen Einrichtung „Es gibt etwas zu tun“

Unser Team besteht schon seit längerer Zeit in anderen Organisationen. Wir waren als Angestellte im NGO-Sektor tätig. Aber 2019 haben wir uns entschlossen, unsere eigene Einrichtung zu registrieren. Wenn ich einen Rat brauchte, wie ich die Organisation fördern sollte, welche Entscheidungen ich treffen sollte, war die erste Person, zu der ich lief, Sergej Drosdowskij. Als ich einen Rat in einem beruflichen Bereich brauchte, der mit Menschen mit Behinderungen und dem Schutz von Rechten zu tun hatte, wandte ich mich an Sergej. Und ich weiß, dass ich bei weitem nicht alleine bin.

Unsere Einrichtung hilft Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Wir haben uns bewusst entschieden, uns mit der Registrierung nicht einzuschränken, obwohl die engste Zielgruppe für uns Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind, die in Waisenhäusern leben. Jetzt haben wir Erwachsene, die in psycho-neurologischen Wohnheimen leben, denn von April 2019 bis zum Beginn der Quarantäne im Jahr 2020 haben wir eineinhalb Jahre lang als Freiwillige in den Kinder- und Erwachsenenwohnheimen gearbeitet.

Als COVID zuschlug, war das Büro für die Rechte von Menschen mit Behinderungen das erste, das öffentlich Alarm über die Situation in den Heimen schlug. Sergei und ich haben es besprochen. Wir hatten große Angst vor einer Wiederholung der europäischen Geschichte, als Menschen in den Heimen während der Quarantäne starben. Gemeinsam mit dem Amt haben wir eine Initiative wie in Russland ins Leben gerufen. Dort beschlossen Freiwillige von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die schwersten Kinder für die Dauer der Epidemie aus den Heimen zu nehmen. Auf diese Weise gelang es ihnen, mehrere Dutzend Menschen zu retten, die sonst vielleicht gestorben wären.

Das Büro initiierte einen offenen Brief an das Ministerium für Arbeit und Sozialschutz. Darin schlug es vor, zu diskutieren, wie NGOs während der Epidemie helfen könnten. Wir waren bereit, nach Freiwilligen zu suchen, die sowohl Kinder als auch ältere Menschen vorübergehend nach Hause bringen konnten. Sergei schlug vor, dass wir so oft wie möglich Leute aus den Heimen auf Heimaturlaub nehmen könnten. Aber die Vorschläge wurden nicht angenommen. Dann haben wir gemeinsam mit dem Amt beschlossen, eine Aktion zu starten, um Spenden für die Waisenhäuser zu sammeln. So konnten wir rund 50 Einrichtungen helfen. Es handelt sich um Waisenhäuser, einschließlich der allgemeinen Art von Heimen, in denen ältere Menschen untergebracht sind. Und, zum Beispiel, ein Aufnahmezentrum für minderjährige Kinder in Okrestina. Wir gaben ihnen Spenden und medizinische Geräte, die wir ergattern konnten.

Olga Smoljanko, Direktorin, Lawtrend Legal Information Centre

Unsere Organisation kooperierte mit dem Büro, wir arbeiteten gemeinsam an Appellen an internationale Organisationen, an gemeinsamen Erklärungen – an systemischen Veränderungen. Unsere Tätigkeitsbereiche decken sich – wir sind auch eine Menschenrechtsorganisation. Wir setzen uns für die Einhaltung der Menschenrechte in Belarus ein, einschließlich der Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Herr Drosdowskij ist ein Experte des Europarates und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF). Und Oleg Grabljowskij arbeitete mit UNDP – dem UN-Entwicklungsprogramm. Wenn wir nicht über internationale Organisationen sprechen, weiß ich, dass Oleg eng mit der Krebspatientenorganisation „In the Name of Life“ zusammengearbeitet hat – er hat deren Patienten beraten. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Belarus der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einem großen Teil aufgrund der Bemühungen des Büros beigetreten ist. Nach dem Beitritt überwachte das Büro die Umsetzung der Konvention.

Wir verfolgen die Situation, die sich jetzt mit dem Büro ereignet. Belarusische Menschenrechtsorganisationen verbinden den Druck auf das Büro mit ihren Menschenrechtsaktivitäten. Insbesondere durch den Abschluss von Verträgen mit mehreren Rechtsanwält*innen, die Menschen mit Behinderungen helfen. Seit 10 Jahren führt das Büro systematisch Beratungen für Menschen mit Behinderungen durch, setzt sich für Änderungen in der Gesetzgebung in Bezug auf Menschen mit Behinderungen ein und führt Bildungsaktivitäten durch, um die Einstellung von Menschen mit Behinderungen zu ändern. Wir hoffen, dass die Schikanen des Büros ein Ende haben und sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können.

»Wir sollten alle hart arbeiten und die richtigen Leute an der richtigen Stelle denken lassen. Wir müssen die Frage der Rechte von Menschen mit Behinderungen ernster nehmen und dabei alle Umstände, das gesamte Wissen, das wir haben, und die Meinungen aller Fachleute im Lande berücksichtigen. Dies ist sehr wichtig.«

Sergej Drosdowskij, Direktor des Büros für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (aus einer Diktiergerätaufnahme eines Gesprächs mit einem IMENA-Journalisten am 28. Oktober 2020)

Die Pakete sind angekommen!

Mitte Januar erreichte uns die frohe Kunde dass die Weihnachtspäckchen, die wir Ende Dezember auf die Reise gegeben haben in Belarus angekommen sind und dort für viel Freude unter den Bewohnern der Heime in Novinki gesorgt haben, wie sie auch den Bildern entnehmen können. An dieser Stelle nochmal ein ganz großes Dankeschön an alle die ein Päckchen gestiftet haben!

Update zu unserer Weihnachtspost

Viele unserer Unterstützer*innen haben sich an unserer Weihnachtspäckchenaktion beteiligt. Für die Weihnachtspäckchen haben wir mit einer Berliner Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet. So konnten wir viele Päckchen sammeln. Bisher erhalten 73 Bewohnerinnen und Bewohner der Heime in Novinki und Vjacha Weihnachtspost!

Einige der Päckchen werden direkt nach Minsk geschickt. Die anderen hat unser Mitglied Evelyn gesammelt und sie gemeinsam mit ihren Kindern zu dem Verein Tabea e.V. gebracht, der Hilfstransporte nach Belarus organisiert und unsere Pakte auf ihrem Weihnachtstransport mitnimmt. Wir hoffen nun, dass die gerade bestehenden langen Schlangen an der Grenze unsere Päckchen nicht lange aufhalten und sie rechtzeitig zu Weihnachten bzw. zum neuen Jahr, welches in Belarus das größere Fest ist, ankommen.

Unsere gesammelten Päckchen auf dem Weg zum Hilfstransport
Auch der letzte freie Platz musste ausgenutzt werden
Evelyn mit tatkräftiger Hilfe

Weihnachtspäckchenaktion für Heimbewohner*innen

Schon in Jahren ohne Corona gibt es für
Menschen mit Behinderungen, die in Minsk in Heimen leben, meist eine Winterquarantäne und dadurch lange
Wochen ohne Besuch und ohne Ablenkung.

Die Corona-Pandemie hat die Isolierung und Einsamkeit der
Bewohner*Innen noch einmal verschärft. Auch wenn wir daran nichts
ändern können wollen wir gemeinsam mit euch aufmuntern, Lichtblicke
nach Minsk schicken und in Kontakt bleiben.
Daher wird Kanikuli e.V. dieses Jahr erstmalig eine Weihnachtspäckchen-
Aktion starten.


Wie funktioniert es?
• Wenn ihr Lust habt mitzumachen,
kontaktiert uns unter
weihnachtspost@kanikuli-ev.de.
• Ihr bekommt einen Namen und
Kontaktdaten einer Person aus dem
Behindertenheim und dazu ein paar
Informationen, was ihr so schenken könnt.
• Ihr packt ein Päckchen und/oder schreibt einen Brief. Wenn ihr
dabei Anregungen oder Übersetzungshilfen braucht, schreibt uns
und wir helfen gerne.
• Ihr schickt das Päckchen direkt nach Minsk oder zu unserer
Sammelstelle. Von dort aus werden die Pakete gesammelt mit
einem Hilfstransport des Vereins Tabea e.V. nach Belarus
geschickt.
• Wenn ihr eure Kontaktdaten angebt, könnt ihr euch vielleicht über
eine Antwort freuen.


Wichtig:
• Pakete werden vom Zoll geöffnet. Bitte alles daher so einpacken,
dass der Zoll gut drankommt, ohne etwas kaputt zu machen.
• Bitte nichts schnell Verderbliches einpacken.
• Ihr könnt uns Pakete bis zum 15.12.2020 schicken. Die Adresse der Sammelstelle könnt ihr bei uns erfragen.
• Für Fragen, Anregungen und um mitzumachen schreibt uns an
weihnachtspost@kanikuli-ev.de

Runder See 2020

Erfahrungsbericht von Juliana Pavlovets

Die zehn Tage, die ich im integrativen Zeltlager „Runder See“ verbracht habe, haben meine Weltsicht und mein Bewusstsein stark verändert. Ich fange damit an, dass ich von der Freizeit völlig zufällig erfahren habe – ich habe in einem Telegram-Kanal eine Anzeige gesehen, dass nach Teilnehmer*innen gesucht wird. Diese Anzeige hat mich sehr interessiert, aber bevor ich die Anmeldung ausfüllte, entschied ich, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Mich hat sehr gefreut, dass das Zeltlager seit 1999 stattfindet. Außerdem erfuhr ich, dass das Seminarprogramm sehr intensiv ist und es keine Zeit zum Ausspannen gibt. Das heißt, wenn du Lust auf vielfältige, kreative und ungewöhnliche Aufgaben und Methoden hast, dann solltest du teilnehmen. Die Themen der Veranstaltungen werden Personen sehr nutzen, die lernen möchten, erfolgreich mit anderen zu interagieren. Hier erfährst du, was gewaltfreie Kommunikation ist und was es bedeutet, sich Ziele zu setzen, du verstehst, warum es wichtig ist, dich aktiv zu positionieren, lernst effektive Teambildung und erlebst Verantwortung und Achtsamkeit.

Wenn du bis hierhin gelesen und das Gefühl hast hast, dass das in deinem Leben fehlt und dass du dazu bereit bist, hier einzutauchen, dann habe ich ein paar Tips, wie du dir die Zeit im Zeltlager möglichst angenehm machst (wenn du zum ersten mal in ein Zeltlager fährst, dann wird das sehr nützlich sein):

  1. Einen Platz im Zelt, Schlafsack und Isomatte stellen dir die Organisator*innen, aber wenn du irgendwas davon besitzt, empfehle ich dir, es mitzubringen – im Wald ist kein Schlafsack und keine Isomatte zu viel (nach genau zwei Nächten haben meine Nachbarin und ich noch zwei zusätzliche Schlafsäcke genommen, weil es im Wald nachts sehr kalt ist) 🙂
  2. Falls du denkst, dass es eine dumme Idee ist, im Sommer warme Socken einzupacken, dann mach es nicht wie ich und nimm mehrere Paare mit – du wirst es nicht bereuen. 🙂 Und anstatt weiterer Shorts nimm lieber einen warmen Pullover mit.
  3. Stelle dir außerdem eine verantwortungsbewusste Hausapotheke zusammen. Statt Creme gegen Sonnenbrand nimm lieber ein Halsspray und Nasentropfen mit. Wenn du, wie ich, im normalen Leben Pulver wie „Teraflu“ mit Verachtung behandelst, so rate ich dir für das Zeltlager trotzdem, solche Hilfsmittel einzupacken. Bei Halsschmerzen kann man mit dem Tee gurgeln, den es immer zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt.

Übrigens, was das Essen angeht: Wenn du nicht wählerisch bist, dann wirst du ganz sicher nicht hungrig bleiben. Das Essen im Zeltager ist lecker, es gibt viel und manchmal sehr ungewöhnliche Gerichte. Außerdem werden Vegetarier*innen berücksichtigt, du brauchst dir also keine Sorgen machen, wenn du kein Fleisch isst.

Seelisch solltest du dich darauf vorbereiten, dass du sehr wenig freie Zeit zur Verfügung haben wirst. Aber wenn du eine Lerche bist, dann kannst du ein vor dem Frühstück ein paar Stunden abzweigen und wenn du eine Eule bist, dann nach dem Abendprogramm.

Ich bin beispielsweise zwischen 6 und 6.30 aufgewacht (egal, wann ich abends schlafen gegangen bin). Die freien Stunden habe ich dazu genutzt, über die Blaubeeren herzufallen, die direkt nebenan wachsen (wahrscheinlich sind es die besten Blaubeeren auf der Welt :)). Wenn du kein Blaubeerfan bist, dann kannst du morgens Gymnastik machen, duschen (solange es an der Dusche noch keine Warteschlange gibt) oder auf dem Steg meditieren. Und abends kannst du am Lagerfeuer sitzen, zur Gitarre Lieder singen, Spiele spielen oder über spannende Themen diskutieren.

Abschließend möchte ich sagen, dass dies psychologisch und intellektuell die aktivste Zeit meines Lebens war. Ich habe die komplette Bandbreite an Emotionen erlebt – von Empörung bis hin zu hemmungsloser Freude und Euphorie. Das einzigartige Bildungsprogramm hat alle meine Denkmuster erschüttert und ich habe täglich neue Einblicke erhalten. Diese Erfahrung war unglaublich und ich möchte sie wiederholen und die Veränderungen in mir festigen, die ich dort erfahren habe. Diese ungewöhnliche Ferienfreizeit erweitert die Komfortzone jeder Person, der nicht alles egal ist.

Außerdem bin ich dafür dankbar, dass ich wunderbare und inspirierende Menschen kennengelernt habe. Das Zeltlager „Runder See“ ist ein Ort für Menschen, die nach persönlichem Wachstum und innerem Wandel streben.



„Das Camp gibt einen Schub für Aktivität und Entwicklung.“
Was der „Runde See“ ist und warum es sich für Menschen mit Behinderung lohnt dorthin zu gehen

Hier ist der Link zum russischen Originalartikel

Datum: Donnerstag, 24. September, Verfasserin: Alexandra Kamko

Im Sommer für zehn Tage in den Wald zu gehen, um sich von der Routine abzulenken  und die eigenen vier Wände zu verlassen, ist eine gute Gelegenheit, welche die Organisation „Raznye-Ravnye“ („Verschiedene-Gleiche“) Menschen mit Behinderung bietet. Aber das ist lange nicht alles, was das Zeltlager und Integrations-Seminar „Runder See“ im Sommer zu bieten hat: neben Erholung und fröhlicher Gesellschaft durchlaufen die Teilnehmenden ein Bildungsprogramm, lernen in verschiedenen Situationen miteinander zu interagieren und andere zu akzeptieren, wie sie sind, ohne Konventionen und soziale Vorbehalte.

Die Hauptaufgabe ist es seine Komfortzone zu verlassen

Der „Runde See“ kann sicher als eine kleine Waldgemeinde bezeichnet werden, die nach ihren eigenen Gesetzen und Regeln lebt. Im Wald angelangt, wo vor der Ankunft der Teilnehmenden die Zelte, ausgestattet mit Küche, Speisesaal und improvisierter „Banja“ (Dampfbad), aufgestellt werden ist es schwer vorstellbar, dass es irgendwo außerhalb der Grenzen eine Zivilisation gibt. Das Camp „Runder See“ ist eine separate kleine Welt in der es schwierig ist, mit seiner Weltanschauung anzukommen und sie im Verlauf der folgenden zehn Tage nie zu hinterfragen und anzuzweifeln: Während der Workshops und im freien Umgang mit Menschen, mit denen einen vor ein paar Tagen absolut nichts verband, veranlasst einen etwas, bestimmte Aspekte des Lebens zu reflektieren und zu überdenken.

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Im Allgemeinen besteht eines der Hauptziele des „Runden Sees“ darin, Menschen mit Behinderung mehr Raum für Interaktion und Kommunikation zu geben, die Komfortzone etwas zu erweitern und einige Grenzen der Wahrnehmung zu überprüfen.
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Jede*r sollte Bewusstsein lernen, die Verteidigung seines Standpunkts, die Freiheit der eigenen Entscheidung. Und das Camp bietet diese Möglichkeit nicht nur aufgrund des engen Zusammenwirkens in einem großen Personenkreis, sondern auch unterstützt durch ein Bildungsprogramm.

Das Hauptthema des „Runden Sees 2020“ war die Annahme einer aktiven Haltung. Oft sind Menschen mit Behinderungen damit konfrontiert, dass die Wahl einer passiven Lebensweise unnötige Bewegungen erspart und die Entscheidungsfindung insgesamt erleichtert, da sie von anderen akzeptiert werden. Dann stellt sich die Frage der Verantwortung und der Bereitschaft, diese zu übernehmen. Das Format des „Runden Sees“ umfasst nicht nur die Bereitstellung des theoretischen Inputs: im Wald werden spontane Situationen geschaffen, in denen wir mit Ängsten und Komplexen konfrontiert werden und uns in Achtsamkeit üben.

Lebenserfahrung „Wald“

Zehn Tage lang durchlaufen die Teilnehmenden verschiedene Methoden, die auf die Bewältigung von Barrieren und Ängsten ausgerichtet sind. Das Bildungsprogramm „Runder See“ ist in beide Richtungen orientiert: Es zielt auf die soziale Anpassung von Menschen mit Behinderung und die Entwicklung von Empathie bei Menschen ohne Beeinträchtigungen ab. Vladimir Grabenets, Camp-Trainer und einer der Ersteller des Programms, sagt, dass die Methoden für alle Teilnehmenden des Camps nützlich sind: „Das Bildungsprogramm ist für beide Seiten konzipiert – sowohl für Menschen mit Beeinträchtigung als auch für diejenigen, die keine Beeinträchtigung haben.

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Menschen mit Beeinträchtigung sammeln die Erfahrung, in einer neutralen Umgebung mit verschiedenen Menschen zu in Kontakt zu treten, ihre Komfortzone zu verlassen und sich an Aktivitäten zu beteiligen.
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Die Teilnehmenden des Camps ohne Beeinträchtigung, sammeln Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung und lernen, sich in gewissen Situationen anders zu verhalten. Schließlich fangen sie an zu fühlen, dass Menschen mit Beeinträchtigung von Natur aus gleich sind wie sie – und hier werden Stereotypen zerstört, die Grenzen der Wahrnehmung verschwimmen leicht.“

Im Allgemeinen ist es interessant, wie viel von den beim „Runden See“ gewonnen Erfahrungen in das wirkliche Leben integriert werden kann. Natürlich entstehen beim Durchlaufen der Methode kapselartige und übertrieben Bedingungen. Zum Beispiel wurden die Teilnehmenden in Teams eingeteilt, strenge Regeln aufgestellt, zeitliche Einschränkungen gegeben.

„Es scheint mir, dass jene zehn Tage, die wir im Wald verbracht haben und welche in den aktiven Bildungsprozess involviert sind, eine Art Input sind. Wir säen in den Köpfen der Teilnehmenden sozusagen „Samenkörner“ und im Anschluss des Projekts wird es die Aufgabe von jeder*m sein, etwas in uns selbst zu entwickeln, oder eben nicht“, sagt Vladimir.

„Mit diesen Gefühlen kann man lernen zu leben“

Der auffälligste Aspekt des „Runden Sees“ ist das Verschwimmen sozialer Barrieren. Die enge Interaktion von absolut verschiedenen Personen führt dazu, dass die Merkmale in einem bestimmten Moment nicht mehr wahrnehmbar sind.

Tamara Voronko fuhr zum ersten Mal zum Sommerlager der Organisation „Raznye-Ravnye“. Und eines der Ziele der Reise war der Kontakt mit Menschen mit Behinderung: „Ich wollte eine andere Seite von mir entdecken, mich der Interaktion mit Menschen, die mir nicht ähnlich sind, stellen. Generell denke ich, dass der „Runde See“ für diejenigen, die keine Beeinträchtigungen haben, weitaus nützlicher ist: man lernt zu erkennen und wahrzunehmen. In einigen Situationen haben wir bestimmte Gefühle erlebt, und mit diesen Empfindungen kann man lernen zu leben. Du bist dir selbst begegnet und das nächste Mal wirst du wissen, wie du unter diesen oder jenen Umständen reagieren kannst.“


Im Rahmen des Seminarcamps sprechen wir über die Hindernisse, die die Interaktion junger Menschen mit und ohne Beeinträchtigung erschweren, überprüfen für uns die Arbeit der informellen Bildung, enthüllen die Geheimnisse der Teamarbeit und der effektiven Kommunikation.

Wir verstehen, wie passives Verhalten die Lebensqualität eines Menschen beeinflusst und warum es wichtig ist, aktiv zu sein.  Das Bildungsprogramm des Camps „Runder See“ beinhaltet Gruppentrainings, Diskussionen, Rollenspiele, Simulationen, Forumtheater und vieles mehr.

Im Camp „Runder See“ kann man lernen:

  • Menschen so zu akzeptieren, wie Sie sind, Vorurteile und Konventionen zu vermeiden
  • Das Potential jeder Person während der Teamarbeit zu maximieren
  • Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen seiner Handlungen zu erkennen
  • Konfliktsituationen zu lösen, indem man sie in eine neue nützliche Erfahrung verwandelt
  • Seine Meinung zu äußern und offen die Initiative zu ergreifen
  • Seine Freizeit selbst zu organisieren

Menschen mit Behinderung beim „Runden See“ fühlen sich entspannt, weil sich im Laufe der Jahre nicht nur eine eigene Gruppe, sondern auch ein angenehmes Mikroklima gebildet hat.

Alexander Klevez fährt seit 2012 ins Sommerlager, mit zwei Pausen. Alexander sagt, dass jede Reise zum „Runden See“ eine neue Erfahrung bietet – manchmal gut, manchmal schlecht – die es im Allgemeinen ermöglicht, sich in verschiedene Richtungen zu entwickeln und persönlich zu wachsen: „Natürlich, ich gehe ins Lager, um neuen Leuten zu begegnen, aber das war nur eine Art Ausgangspunkt für weitere Erkenntnisse. Der erste „Runde See“ gibt Impulse für Aktivität und Entwicklung. Nach meiner ersten Reise im Jahr 2012 verbrachte ich einen ereignisreichen Sommer. Wir sind in die Ukraine gefahren, dann nach Ungarn. Wir begannen verschiedenen Seminare und Treffen zu besuchen. Ich selbst spürte, wie schnell ich begann meine Komfortzone zu verlassen.“

P. S. Bei der Fahrt ins Lager „Runder See“ geht es um soziale Anpassung und Kontakt ohne Konventionen. Weiter gefasst geht es um die Bewältigung von Ängsten, die in verschiedenen Lebensphasen auftreten, und dabei nicht immer um Behinderung. Das zehntägige Sommerlager bietet die wirklich seltene Gelegenheit, vertrauter Umgebung und Umfeld zu entfliehen, um sich vom Gedankengut zu abstrahieren, das nicht immer gerechtfertigt ist, aber in der Alltagsperspektive relevant scheint.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Marsch der (Nicht-)Behinderten

Die Demonstrationen und Märsche der letzten Wochen gehören in Minsk und vielen anderen Städten in Belarus mittlerweile zum Alltag im Stadtbild. Gestern jedoch fand eine besondere Demonstration statt.

Unter dem Motto „Marsch der (Nicht-)Behinderten hatte sich eine Demonstration organisiert. An ihr nahmen Menschen mit Behinderungen, Eltern von Kindern mit Behinderungen sowie ihre Unterstützer*innen statt. Die Teilnehmer*innen forderten freie Wahlen und protestierten gegen die Gewalt, welche die Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierende Menschen einsetzen.

Eine Teilnehmerin sagte über ihre Mitwirkung: „Ich dachte, das ist eine ausgezeichnete Idee – eine Demonstration von Menschen mit Einschränkungen. Weil wir eine soziale Gruppe sind, die aufgrund der Umstände am Ufer politischer und sozialer Ereignisse bleibt. Ich finde das ist eine sehr wichtige Aktion.“ (Zitiert nach euroradio.fm; https://euroradio.fm/ru/marsh-neinvalidov-prohodit-v-minske)

Eine Mutter trat mit einem Plakat auf, auf dem stand: „Es ist nicht furchtbar Mutter eines Sohnes im Rollstuhl zu sein. Es ist furchtbar, die Mutter eines Banditen mit Maske zu sein.“ (Anm.: Die Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen tragen Masken, die sie unkenntlich machen. Demonstrierenden ist es verboten, ihre Gesichter zu verdecken.)

Bild: Nasha Niva; https://nashaniva.by/?c=ar&i=260809&lang=ru

Persönliche Eindrücke aus Minsk

Seit gut zwei Monaten wird nun schon in Belarus gegen Lukaschenka demonstriert.

Uns von Kanikuli beschäftigen die Ereignisse in Minsk nicht nur weil sie unsere Arbeit vor Ort beeinflussen sondern auch, weil viele von uns im Rahmen unseres Freiwilligendienstes in Minsk gelebt haben. Demonstrationen finden an Ecken der Stadt statt, die wir selber viele Male besucht haben. Wir haben Freund*innen und Bekannte vor Ort um die wir bangen. Einige von ihnen wurden im Rahmen der Proteste festgenommen, saßen oder sitzen noch im Gefängnis. Viele von uns verfolgen die Ereignisse sehr genau. Daniel, ein Mitglied von Kanikuli war Ende September in Minsk und hat seine Eindrücke in einem Blog aufgeschrieben.

https://danilamorkovkin.blog/belarus-2020/

Daniel auf dem Platz des Wandels in Minsk (Ploshtsha Peremen)

Postkarten gegen die Einsamkeit

PS: Wer unsere Arbeit auch finanziell unterstützen möchte: Wir sammeln momentan Spenden speziell für die Corona-Hilfe in Belarus, um die Lage der Menschen in den Heimen zu verbessern. Mit dem Geld wird dringend benötigte Schutzausrüstung etc. angeschafft. Weitere Infos sind hier auf der Website unter der Rubrik „Corona“.
Kontoinhaber: Kanikuli e.V. ,Bank: GLS Bank, IBAN: DE64 4306 0967 4018

Den Flyer gibt es auch als PDF zum Download:

…die ersten Karten sind auch schon eingegangen, so kann das Ganze dann am Ende aussehen.

Corona im Erwachsenenheim in Novinki

„Wir führen unsere eigenen Berechnungen“ – Mitarbeitende einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung in Minsk melden kranke Ärzt*innen.

Фото: Ксения Голубович

8.Mai 2020, Lyubov Kaspierovich

TUT.BY Der Ausbruch von COVID-19 in einem weiteren Heim wurde bekannt. Den Informationen zweier Quellen zufolge wurde das Coronavirus bei mehreren Mitarbeitenden des psychoneurologischen Internats Nr.3 in Minsk nachgewiesen. Laut einem der Ärzte sei es schwierig, die genaue Anzahl der Erkrankten unter den Bewohnenden zu bestimmen.
Das Heim (PNI/psychoneurologisches Internat) Nr.3 für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen befindet sich in der Vygotsky-Straße im Mikrobezirk Novinki.
Die ersten Fälle der Krankheit traten im April auf. Zunächst wurde nur eine Station geschlossen, in der etwa fünfzig Personen lebten. Inzwischen wurden auch die anderen Stationen geschlossen, erzählen Angestellte des Heims.

Seit April arbeiten die Heimmitarbeitenden nach einem neuen Arbeitsplan. Während früher in 12- und 24-Stunden-Schichten gearbeitet wurde, gehen die Mitarbeitenden derzeit für 14 Tage in die Schicht, sie arbeiten und leben zwei Wochen im Heim, ohne nach Hause zu gehen. 
Die Heim-Mitarbeitenden beendeten die erste zweiwöchige Schicht am 30. April. Vor Verlassen des Geländes wurden bei den Mitarbeitenden Tests auf das Coronavirus durchgeführt. Mindestens 20 von ihnen hatten ein positives Testergebnis, sagt einer der Gesprächspartner. Insgesamt waren rund 80 Personen im Dienst. 
„Diese Informationen sind inoffiziell. Da die Leitung keine Zahlen bekannt gibt, führen wir unsere Berechnungen selbst durch“, sagte ein Informant.
Wie viele Erkrankte unter den Bewohnenden sind, wissen die Mitarbeitenden laut dem Mediziner nicht. Am 21. April nahmen sowohl Mitarbeitende als auch alle Bewohnenden Abstriche zur Untersuchung auf das Coronavirus, insgesamt waren es mehrere hundert. Die Ergebnisse seien ihm nicht bekannt.
„Ich konnte durchsetzen, die Tests von den Mitarbeitenden zu Beginn oder Ende der Schicht zu erhalten.“ Es ist klar, dass es Krankheitsfälle unter den Bewohnenden gibt, da Ärzt*innen während einer zweiwöchigen Schicht nur bei der Arbeit infiziert werden konnten. Aber wie viele es sind, weiß niemand.

Einer Quelle zufolge war der erste Erkrankte ein Bewohner, der nach der Behandlung in einem Krankenhaus, in dem ein Fall des Coronavirus registriert wurde, ins Heim zurückkehrte. 
Momentan verläuft der Großteil der Krankheit symptomfrei. Wenn Symptome oder Komplikationen auftreten, werden die Betroffenen ins Krankenhaus eingeliefert.
Laut einem der Gesprächspartner befinden sich mehr als 10 Bewohnende in Krankenhäusern. 
Zur Zeit arbeitet erfahrenes sowie junges medizinisches Personal mit individuellen Schutzausrüstungen. Die Gesprächspartner stellten fest, dass dieses ausreiche, „wenn sie rational eingesetzt werden“.
Die Mitarbeitenden des Internats sollen in zwei Wochen in die nächste Schicht kommen. Sie können dies jedoch auch früher tun.
Es gelang nicht, den Direktor des Internats Anatoly Varenik zu erreichen. Im Heim wurde erklärt, er befinde sich zurzeit im Urlaub, die stellvertretende Leiterin des medizinischen Dienstes hat kürzlich gekündigt.
Auch Zhanna Romanovich, die Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Beschäftigung und Sozialschutz des Exekutivkomitees der Stadt Minsk, konnte nicht erreicht werden.

Hier geht es zum russischen Original