Marsch der (Nicht-)Behinderten

Die Demonstrationen und Märsche der letzten Wochen gehören in Minsk und vielen anderen Städten in Belarus mittlerweile zum Alltag im Stadtbild. Gestern jedoch fand eine besondere Demonstration statt.

Unter dem Motto „Marsch der (Nicht-)Behinderten hatte sich eine Demonstration organisiert. An ihr nahmen Menschen mit Behinderungen, Eltern von Kindern mit Behinderungen sowie ihre Unterstützer*innen statt. Die Teilnehmer*innen forderten freie Wahlen und protestierten gegen die Gewalt, welche die Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierende Menschen einsetzen.

Eine Teilnehmerin sagte über ihre Mitwirkung: „Ich dachte, das ist eine ausgezeichnete Idee – eine Demonstration von Menschen mit Einschränkungen. Weil wir eine soziale Gruppe sind, die aufgrund der Umstände am Ufer politischer und sozialer Ereignisse bleibt. Ich finde das ist eine sehr wichtige Aktion.“ (Zitiert nach euroradio.fm; https://euroradio.fm/ru/marsh-neinvalidov-prohodit-v-minske)

Eine Mutter trat mit einem Plakat auf, auf dem stand: „Es ist nicht furchtbar Mutter eines Sohnes im Rollstuhl zu sein. Es ist furchtbar, die Mutter eines Banditen mit Maske zu sein.“ (Anm.: Die Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen tragen Masken, die sie unkenntlich machen. Demonstrierenden ist es verboten, ihre Gesichter zu verdecken.)

Bild: Nasha Niva; https://nashaniva.by/?c=ar&i=260809&lang=ru

Persönliche Eindrücke aus Minsk

Seit gut zwei Monaten wird nun schon in Belarus gegen Lukaschenka demonstriert.

Uns von Kanikuli beschäftigen die Ereignisse in Minsk nicht nur weil sie unsere Arbeit vor Ort beeinflussen sondern auch, weil viele von uns im Rahmen unseres Freiwilligendienstes in Minsk gelebt haben. Demonstrationen finden an Ecken der Stadt statt, die wir selber viele Male besucht haben. Wir haben Freund*innen und Bekannte vor Ort um die wir bangen. Einige von ihnen wurden im Rahmen der Proteste festgenommen, saßen oder sitzen noch im Gefängnis. Viele von uns verfolgen die Ereignisse sehr genau. Daniel, ein Mitglied von Kanikuli war Ende September in Minsk und hat seine Eindrücke in einem Blog aufgeschrieben.

https://danilamorkovkin.blog/belarus-2020/

Daniel auf dem Platz des Wandels in Minsk (Ploshtsha Peremen)

Postkarten gegen die Einsamkeit

PS: Wer unsere Arbeit auch finanziell unterstützen möchte: Wir sammeln momentan Spenden speziell für die Corona-Hilfe in Belarus, um die Lage der Menschen in den Heimen zu verbessern. Mit dem Geld wird dringend benötigte Schutzausrüstung etc. angeschafft. Weitere Infos sind hier auf der Website unter der Rubrik „Corona“.
Kontoinhaber: Kanikuli e.V. ,Bank: GLS Bank, IBAN: DE64 4306 0967 4018

Den Flyer gibt es auch als PDF zum Download:

…die ersten Karten sind auch schon eingegangen, so kann das Ganze dann am Ende aussehen.

Corona im Erwachsenenheim in Novinki

„Wir führen unsere eigenen Berechnungen“ – Mitarbeitende einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung in Minsk melden kranke Ärzt*innen.

Фото: Ксения Голубович

8.Mai 2020, Lyubov Kaspierovich

TUT.BY Der Ausbruch von COVID-19 in einem weiteren Heim wurde bekannt. Den Informationen zweier Quellen zufolge wurde das Coronavirus bei mehreren Mitarbeitenden des psychoneurologischen Internats Nr.3 in Minsk nachgewiesen. Laut einem der Ärzte sei es schwierig, die genaue Anzahl der Erkrankten unter den Bewohnenden zu bestimmen.
Das Heim (PNI/psychoneurologisches Internat) Nr.3 für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen befindet sich in der Vygotsky-Straße im Mikrobezirk Novinki.
Die ersten Fälle der Krankheit traten im April auf. Zunächst wurde nur eine Station geschlossen, in der etwa fünfzig Personen lebten. Inzwischen wurden auch die anderen Stationen geschlossen, erzählen Angestellte des Heims.

Seit April arbeiten die Heimmitarbeitenden nach einem neuen Arbeitsplan. Während früher in 12- und 24-Stunden-Schichten gearbeitet wurde, gehen die Mitarbeitenden derzeit für 14 Tage in die Schicht, sie arbeiten und leben zwei Wochen im Heim, ohne nach Hause zu gehen. 
Die Heim-Mitarbeitenden beendeten die erste zweiwöchige Schicht am 30. April. Vor Verlassen des Geländes wurden bei den Mitarbeitenden Tests auf das Coronavirus durchgeführt. Mindestens 20 von ihnen hatten ein positives Testergebnis, sagt einer der Gesprächspartner. Insgesamt waren rund 80 Personen im Dienst. 
„Diese Informationen sind inoffiziell. Da die Leitung keine Zahlen bekannt gibt, führen wir unsere Berechnungen selbst durch“, sagte ein Informant.
Wie viele Erkrankte unter den Bewohnenden sind, wissen die Mitarbeitenden laut dem Mediziner nicht. Am 21. April nahmen sowohl Mitarbeitende als auch alle Bewohnenden Abstriche zur Untersuchung auf das Coronavirus, insgesamt waren es mehrere hundert. Die Ergebnisse seien ihm nicht bekannt.
„Ich konnte durchsetzen, die Tests von den Mitarbeitenden zu Beginn oder Ende der Schicht zu erhalten.“ Es ist klar, dass es Krankheitsfälle unter den Bewohnenden gibt, da Ärzt*innen während einer zweiwöchigen Schicht nur bei der Arbeit infiziert werden konnten. Aber wie viele es sind, weiß niemand.

Einer Quelle zufolge war der erste Erkrankte ein Bewohner, der nach der Behandlung in einem Krankenhaus, in dem ein Fall des Coronavirus registriert wurde, ins Heim zurückkehrte. 
Momentan verläuft der Großteil der Krankheit symptomfrei. Wenn Symptome oder Komplikationen auftreten, werden die Betroffenen ins Krankenhaus eingeliefert.
Laut einem der Gesprächspartner befinden sich mehr als 10 Bewohnende in Krankenhäusern. 
Zur Zeit arbeitet erfahrenes sowie junges medizinisches Personal mit individuellen Schutzausrüstungen. Die Gesprächspartner stellten fest, dass dieses ausreiche, „wenn sie rational eingesetzt werden“.
Die Mitarbeitenden des Internats sollen in zwei Wochen in die nächste Schicht kommen. Sie können dies jedoch auch früher tun.
Es gelang nicht, den Direktor des Internats Anatoly Varenik zu erreichen. Im Heim wurde erklärt, er befinde sich zurzeit im Urlaub, die stellvertretende Leiterin des medizinischen Dienstes hat kürzlich gekündigt.
Auch Zhanna Romanovich, die Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Beschäftigung und Sozialschutz des Exekutivkomitees der Stadt Minsk, konnte nicht erreicht werden.

Hier geht es zum russischen Original

COVID-19 PNI – Dringender Aufruf den Internaten zu Helfen

#Dort gibt es Menschen, dort gibt es das Coronavirus

In Belarus wurde ein offener Brief, der über die aktuelle Lage in den Heimeinrichtungen für Menschen mit Behinderung informiert, veröffentlicht. Wir bei Kanikuli e. V. haben uns entschieden, diesen Hilfeaufruf zu übersetzen.

COVID-19 PNI – Dringender Aufruf den Internaten zu Helfen

Während einer Pandemie und dem Regime der Selbstisolation leiden die schwächsten und verletzlichsten Bürger, diejenigen, die von anderen Menschen abhängig sind am meisten. In Belarus leben viele Menschen mit Behinderungen in Heimeinrichtungen: Verteilt sind ca. 18.000 Erwachsene und 1.400 Kinder auf insgesamt 72 Heime für Erwachsene und 9 für Kinder. Unter ihnen sind viele ältere Menschen mit chronischen Krankheiten, sowie Kinder und Erwachsene, die eine Kombination aus mehreren schwerwiegenden Diagnosen haben.

Logischerweise sind diese Menschen sehr anfällig für Lungenentzündungen. Verbunden mit ihren Erkrankungen und ihrer Lebensweiße ist der Mangel an einer qualitativ hochwertigen Pflege nicht weniger ein Lebensrisiko, als das Virus an sich.
Einige Internate haben 600-700 Einwohner, die Hälfte von ihnen haben nicht nur Erkrankungen, sondern sind auch fortgeschrittenen Alters. Zudem ist die überwiegende Mehrheit der Kinder, die in diesen Heimeinrichtungen leben, Waisen.

Seit Beginn der Epidemie wurden alle Institutionen unter Quarantäne gestellt. Jede Art von Besuchen, Besprechungen und Übergaben sind verboten. Uns ist bewusst, dass bei Epidemien die Verringerung der sozialen Kontakte und das Herstellen von Distanz eine wichtige Maßnahme ist. Genauso unmöglich ist es jedoch, diese Maßnahmen in Kinderheimen oder Internaten durchzusetzen, da Kinder und Erwachsene dort eng aufeinander leben und eine große Anzahl von Menschen in einem Raum untergebracht sind.

Die meisten Einrichtungen sind nach dem Korridorprinzip aufgebaut. Es gibt einen langen Korridor und Krankenzimmer, in denen normalerweise zwischen 6 und 8 Personen, in manchen Fällen auch bis zu 20 Personen, leben. Die Angestellten der Einrichtungen gehen zu ihrem Arbeitsplatz, in großen Einrichtungen sind das täglich mehrere hundert Personen. Freiwillige, die Vertreter von Drittorganisationen sind, dürfen die Einrichtungen nicht mehr betreten, aber solche formellen Quarantänemaßnahmen reichten nicht aus.

Die Leitung des Sozialbereiches beschloss, die Angestellten dieser Institutionen in den Beobachtungsmodus zu versetzen, was bedeutet, dass sie in zweiwöchigen Schichten arbeiten müssen, ohne in dieser Zeit den Arbeitsplatz verlassen zu dürfen. Wir sind denjenigen Menschen sehr dankbar, die jetzt buchstäblich ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren um ihren Schützlingen beim Überleben zu helfen. Wir danken den Kindermädchen, Pflegekräften, Erziehern, Krankenschwestern, Ärzten, Küchenkräften, Wäschern und Wäscherinnen, all diejenigen, die genug Menschlichkeit in sich gefunden haben, um einen zweiwöchigen Dienst aufzunehmen.

Zurzeit haben wir Informationen über Infektionsherde in fünf Erwachsen und Kindereinrichtungen. Die Anzahl wird jeden Tag steigen.

Wie viele Menschen es wohl sein werden, deren Leben, von der Gesellschaft unbemerkt, vorbei sein wird? Wie viele Menschen werden wir dabei verlieren? Wie können wir sie mit angemessener Hilfe versorgen? Wir wissen nicht, ob sie respektiert werden und die gleichen Rechte beim Zugang zu medizinischer Hilfe haben.

Diese mutigen Menschen brauchen jetzt ganz besonders fachspezifische Mittel und Hilfen: Schutzanzüge, Atemschutzmasken, Schutzbrillen und Schutzausrüstung für die tägliche Arbeit mit an Covid-19- Erkrankten. Sie brauchen Desinfektionsmittel, Sanitätsartikel, Müllbeutel für die gefährlichen Abfälle und vor allem kontaktlose Fieberthermometer. Auch Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel sind keine überflüssigen Produkte. Die normalen Handschuhe und Masken, die es in den Heimen gibt, helfen in der jetzigen Situation nicht und auch diese reichen nicht mehr. Und wenn dann die nächste Schicht angetreten wird, ist es möglich, dass niemand mehr da ist.

Uns ist schon die tragische Erfahrung aus Italien und Spanien bekannt. Dort hausen in den Altenheimen keine hundert, sondern weitaus weniger, und dieser Häuser wurden Orte des Massensterbens durch Coronavirus und unzureichender Pflege unter den Bedingungen der Epidemie. Wir, Vertreter gemeinnütziger Organisationen, Freiwillige, und einfach fürsorgliche Menschen, kennen persönlich viele Leute, die in Heimen leben und arbeiten. Wir sind uns sicher, dass die Mitarbeiter der Heime gerade alles tun, um Menschen zu retten. Aber ohne unsere Hilfe werden sie es nicht schaffen. Lasst uns zusammen alles tun, damit sich diese Tragödie bei uns nicht wiederholt.

von Olga Dominichevich

Die Initiatoren des Spendenaufrufsund die Verantwortlichen für ihre effektive Verwendung treten hier auf:
PPU „Büro für Rechte von Menschen mit Behinderungen“ htt
CBU „Est Delo“ (Es gibt Arbeit)

Hier der Link zum russischen Original

Kanikuli e.V. bietet die Möglichkeit an, Spenden an die Initiatoren des Spendenaufrufs weiterzuleiten. Hierfür bitten wir Sie, als Verwendungszweck der Spende „COVID19PNI“ einzutragen.

Kontoinhaber: Kanikuli e.V.
Bank: GLS Bank
IBAN: DE64 4306 0967 4018 4596 00
BIC: GENODEM1GLS

Hier eine Übersicht, mit welchen Kosten man momentan rechnen kann, wenn man in Belarus die benötigte Schutzausrüstung besorgen möchte.

– Infrarot-Thermometer, 1 Stück – 100€
– Desinfektionsmittel für Oberflächen, Konzentrat, 5 Liter – 35€
– Wiederverwendbarer Schutzoverall, 1 Stück – 25€
– Ellenbogenspender, 1 Stück – 20€
– Einweghandschuhe, Nitril, schwarz, 50 Paar – 12€
– Händedesinfektionsmittel, 1 Liter – 5€
– Schutzmaske mit Luftfilter, 1 Stück -3,5€
– Schutzmaske, 1 Stück – 0,4€

Unter dem Zeichen des Regens und des Bibers: Die Freizeit für Erwachsene 2019

von… einer Teilnehmenden Person

Die Ferienfreizeiten im Herbst haben ihren eigenen Charm: das Gold der Blätter, der Panoramablick und eine Menge Magie. Ja, und natürlich Regen, der oft die Pläne verändert.

Man kann aber zu Hause bleiben und Blinis (Pfannkuchen) backen, ganz viele Blinis. Das haben wir auch gemacht. Außer Blinis haben wir eine Torte und Hafermuffins gebacken, Spaghetti mit Rosmarin, Borschtsch und viele andere leckere Sachen zubereitet.

Wir wollten uns so gerne den Biberdamm anschauen. Wegen dem Regen mussten wir aber zu Hause bleiben und erkundigten uns theoretisch über das Leben der Biber. Wir zeichneten ein Biberhaus und die Biber selbst. Wir dachten uns eine Geschichte aus und schauten einen Trickfilm, der aber nicht besonders spannend war.

Wir lernten viel darüber, wie viel Müll es auf unserem Planeten gibt, und sammelten ein bisschen Plastik im Wald. (Unser Wald ist ziemlich sauber.) Wir haben erfahren, wenn Plastik ins Wasser kommt, ist es sehr schlecht.

Als wir auf einem der Spaziergänge waren, bestiegen wir einen Berg. Genauer gesagt, viele von uns haben den steilen Aufstieg geschafft. Auf diese Weise lernten wir Bergsteigen kennen. 

Wir lernten, dass man im Laden keine Plastiktüten nehmen sollte und es besser ist, wenn man stattdessen Stofftaschen nutzt. Aus diesem Grund nähten wir zusammen eine große Einkaufstasche. Einige von uns lernten nähen oder versuchten zum ersten Mal, eine Nähmaschine zu bedienen. Wir nähten noch zwei Kissen.

Wir machten auch einen botanischen Spaziergang und lernten Drosselbeere, Spindelsträucher, Eberesche und wilde Astern, Pappel und pappelartige Akazie zu unterscheiden.

Wir sammelten auch Hagebutte und machten Ketten daraus. Aus der Paprika, die wir im Treibhaus sammelten, machten wir auch Ketten.

Wir tanzten orientalische Tänze, machten aber morgens nicht immer Sport.

Und noch machten wir Masken aus Stroh und bastelten Waldgeister. Dazu haben wir eine Foto-Geschichte gemacht, die Sie sich anschauen können. Vielleicht ist sie etwas düster, aber der Herbst ist auch manchmal düster. 

Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen der Ferienfreizeit, insbesondere an Aleksandra.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Runder See 2019

von Svetlana Matiuk

Das Sommerlager ist wie ein kleines Leben… Alles, was hier passiert war, war besonders und einzigartig. Alle Emotionen und Gefühle waren echt. Alle Tage waren so intensiv, dass ich in diesen 10 Tagen genau so viel erlebte, wie in den 4 Jahren meines Studiums. Es hat mir gut gefallen, an dem inklusiven Zeltlager „Runder See“ teilzunehmen. Hier fand Aktivierung und Integration junger Menschen statt. Hier verändern sich Menschen.

Die Zeit im Sommerlager ist nicht nur Erholung, sondern auch unterschiedliche pädagogische Spiele, die viele Lebenssituationen, Meinungen und Assoziationen der Menschen widerspiegeln. Wir nahmen an verschiedenen pädagogischen Veranstaltungen teil und verbrachten unsere Zeit mit Spaß und Nutzen. Wir haben gelernt, in einem Team zu arbeiten, in dem jeder Mensch wichtig ist. Wir haben Rollen ausprobiert und erlebt, wie Vorurteile funktionieren. Wir versuchten, in  Situationen richtige Entscheidungen zu treffen. Wir waren ganz oben und ganz unten im wörtlichen und übertragenen Sinne. Intensive Zusammenarbeit bei den pädagogischen Aktivitäten hat uns geholfen, die anderen und uns selbst besser zu verstehen. 

Wir haben in einem Wald gewohnt. Das war sehr spannend. Wir konnten Beeren und Pilze sammeln und die Natur genießen, uns damit heilen. Wir haben in Zelten geschlafen. Ich habe nie gefroren, obwohl es draußen überwiegend kalt war. (Es gibt aber kein schlechtes Wetter) Es war ungewöhnlich, sich im kalten Wasser zu waschen. Ich fand es spannend und bin nicht krank geworden. Mein Immunsystem ist nur stärker geworden. Wir erfüllten unterschiedliche Aufgaben und hörten einander zu. Wir wollten etwas Neues erleben und lernen, daran konnte uns kein Regen hindern. Als es regnete, wechselten wir in das große Zelt und bewegten uns weiter zum Ziel. Mir blieb das Essen in Erinnerung, das die Freiwilligen am Feuer gekocht hatten. Es war immer lecker und reichte für alle. Jeden Tag gab es andere Gerichte. Vielen Dank für den unglaublichen Tee, der mit Liebe und nicht nur gekocht wurde.

Es wurden wunderschöne Lieder am Lagerfeuer gesungen. Egal wie stimmig es war, es wurde trotzdem eine schöne Atmosphäre geschaffen. An diesem Ort haben sich unsere Seelen geöffnet. Hier versucht man alles zu machen und hat keine Angst, dass etwas nicht klappt. Man weiß, man sammelt Erfahrungen. Jeder Mensch im Sommerlager war wichtig. Alle zusammen und jeder einzelne waren besonders und werden in Erinnerung bleiben.

Dank dem Sommerlager versteht man, dass man sein Leben noch besser gestalten kann. Wir haben uns hier nie gelangweilt und jeden Tag neue Aufgaben und Emotionen erlebt. Wir hörten und sahen Meinungen unterschiedlicher Menschen. Ich bin allen Menschen dankbar, die mich beeinflusst haben.

In der Zeit im Sommerlager wurde ich von unterschiedlichen Menschen umgeben, von wunderbaren Teilnehmenden, von fantastischen Freiwilligen und guten Trainer*innen. Ich erlebte unvergessliche Gefühle, als ich diese viele Menschen kennen gelernt und viel Interessantes erfahren hatte. Während der Interaktion mit diesen Menschen spürte ich Veränderungen in mir und meinen Sichtweisen. Junge Männer und Frauen mit und ohne Behinderung wohnten zusammen und nahmen an den Veranstaltungen teil. Wir wuchsen zusammen und es spielte keine Rolle mehr, dass wir alle so unterschiedlich sind. Obwohl wir alle unterschiedlich waren, waren wir alle gleich.

Dank den unterschiedlichen pädagogischen Veranstaltungen, die die Trainer*innen durchführten, änderten sich meine Gedanken und Sichtweisen. Unsere Lehrenden waren auf gleicher Augenhöhe mit uns und wir hatten wunderschöne Beziehungen zu ihnen. Ich bin ihnen dankbar, dass sie für uns ein vielfältiges Programm vorbereitet haben. Es gab jedes Mal etwas Neues, Aufschlussreiches und Interessantes. Jeden Tag konnten wir über unseren Tag reflektieren. Sie hörten uns zu und versuchten, jeden zu verstehen und zu spüren. Alle Teilnehmenden erzählten, was sie gelernt hatten und zu welchen Ergebnissen sie gekommen waren. Oft waren unsere Tage so erlebnisreich, dass wir nicht alles erwähnen konnten, was mit uns passiert war. Wir entfalteten uns und entdeckten neue Talente. Wir hatten auch Zeit um den Wald zu fühlen.

Im Zeltlager „Runder See“ sind wir uns nah gekommen. Es war wunderschön, in einem Wald am See zu wohnen, beim Bildungsprogramm etwas Neues zu lernen, in der Nacht vom Steg die Sterne zu beobachten und uns einfach mit der ganzen Seele zu erholen. Es herrschte eine gemütliche und magische Atmosphäre. Wir haben viele Eindrücke bekommen und erinnern uns mit Freude daran. Jeden Tag integrierte ich mich immer mehr und zum Schluss kam ich im Zeltlager richtig an, so dass ich gar nicht mehr zurückfahren wollte. Ich habe nur positive Eindrücke von dem allen, was passiert ist. Ich bin dankbar für alles. Es ist richtig viel passiert. Man kann es nicht einfach beschreiben…

Der Zeltlager ist ein eigener Lebensabschnitt, der für immer in meinem Herzen bleibt.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Kanikuli beim Symposium der Robert-Vogel-Stiftung

von Lina Müller und Ruben Werchan

Ruben und Lina während der Präsentation

Die wunderbare Gelegenheit, uns weiter mit Initiativen in Deutschland zu vernetzen, hatten wir am Samstag beim 1. Symposium der Robert-Vogel-Stiftung (RVS) in München. Eingeladen waren alle Initiativen, die die RVS finanziert. Auf diese Weise lernten wir unter anderen Menschen kennen, die sich in den Bereichen Fetale Alkoholspektrumstörungen, häusliche Unterstützung von Kindern mit Trisomie 21, Integration von Menschen mit psychischen Erkrankungen und der Demenzbetreuung engagieren. Alles Themen, die auch für unsere Arbeit extrem relevant sind. Bestimmt werden wir und unsere Projekte in Zukunft von den geknüpften Kontakten profitieren.

Dabei stand Kanikuli in mancher Hinsicht unter den Gästen heraus. Nicht nur sind wir die einzige Initiative deren Arbeitsschwerpunkt im Ausland liegt. Auch sind wir die Einzigen, die die Arbeit primär ehrenamtlich erledigen. Das sorgte natürlich für besondere Aufmerksamkeit und viele interessierte Nachfragen zu unserer Arbeit. Auch die gewohnt übertrieben süßen belarusischen Näschereien, die wir zur Kaffeepause beisteuerten, haben für Interesse gesorgt.

Wir sind voller Elan und Motivation für zukünftige Zusammenarbeit aus München zurückgekehrt. Durch Veranstaltungen wie dieses Symposium profitiert Kanikuli nicht nur finanziell von der Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung, sondern auch durch inhaltlichen Input für unsere Arbeit und die Erweiterung unseres Netzwerkes.

Hier gibt’s den Flyer zum Symposium.

Ferienfreizeit für Kinder 2019

von Marlene (ASF-Freiwillige 2018/19)

10 Tage lang von Allem ganz viel. So würde ich die Freizeit für Kinder mit Behinderung beschreiben, die vom 25. Mai  bis 3. Juni in einem Vorort von Minsk stattgefunden hat. Viel Spaß, viel gelacht, viel getanzt, viel gebastelt, viel gelernt (zum Beispiel oft den Imperativ im Russischen geübt) – kurz: viel gegeben und noch mehr zurückbekommen. Das Einzige, was ein bisschen zu kurz kam war der Schlaf, aber das ist ja eigentlich immer so. Wir, die fünf ASF-Freiwilligen in Belarus, sind zusammen mit einheimischen Freiwilligen und einer Psychologin aus dem Kinderheim von Novinki auf ein Ferienlager nach Zdanovicy in der Nähe von Minsk gefahren. Ermöglicht wird die jährliche Fahrt von Kanikuli e. V. Das Ferien-Lager setzt in „eins zu eins Betreuung“ mehr Personal ein, um den Kindern mehr Aufmerksamkeit geben und individueller auf sie eingehen zu können  als dies im Alltag der Fall ist. Dieses Jahr waren wir mit 12 Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren mit unterschiedlichen Behinderungen unterwegs.

In der Anlage, in der wir untergebracht waren, gibt es einen See, Sportplätze und ein schönes Außengelände. Dank des Wetters konnten wir auch viel draußen machen. Neben Anwendungen wie Massagen oder einem Raum mit Salz für die Atemwege haben wir viel gebastelt, Ball gespielt oder in der Disko abends ordentlich getanzt. Ich musste aber immer wieder feststellen, wie kurz die Zeit doch ist, um wirklich etwas zu machen. Essen, (Mittags)Schlaf, anziehen, waschen usw. ist nämlich immer eine ganz schöne Prozedur.

Gestartet sind wir dabei mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Während einige von den Freiwilligen schon länger in Novinki arbeiten und die Jugendlichen auch schon kannten, habe ich das erste Mal mehr mit Kindern mit Behinderung zu tun gehabt und fand das total bereichernd. Klar, manchmal kommt man auch an seine Grenzen, wenn man jeden Tag aufs neue diskutieren muss, ob die Kleider, die die Kinder gerne anziehen würden, dem Wetter entsprechen und ob man nach der Toilette Hände wäscht oder doch lieber direkt zum Essen entwischt. Gleichzeitig entstehen immer so viele lustige Momente und es wird absolut nie langweilig. 

Hier beschreibt Emily zum Beispiel einen ihrer persönlichen Lieblingsmomente:

Natürlich war wie immer auch die Disko besonders beliebt, und dort haben wir einige sehr eindrucksvolle Abende miteinander verbracht.Einer der lustigsten Momente für mich war allerdings woanders. Es war einer der letzten Abende in der zweiten Hälfte des Lagers. Eigentlich war es schon Zeit zum ins Bettgehen, aber wir saßen noch draußen auf der Terrasse, weil der Abend so warm war. Eine der anderen Freiwilligen hat nochmal Musik angemacht und eins der Mädchen, Lisa, ist sofort drauf angesprungen. Sie hat lautstark mitgesungen, getanzt und gelacht. Besonders „This Love“ von Maroon 5 hatte es ihr angetan. Die andere Freiwillige hat mich aufgefordert im Refrain einzustimmen, aber ich kannte den Text leider gar nicht. Also habe ich hauptsächlich die Melodie mitgesungen. Aber das hat auch gar nicht so viel gemacht, weil Lisa dafür umso lauter mitgesungen hat. Sie hatte unglaublich viel Spaß und hat uns immer weiter motiviert, mitzumachen, sodass wir bis spät in den Abend noch da saßen, gesungen, getanzt und gelacht haben. Es war ein sehr schöner Abend gegen Ende des Lagers und ein toller Abschluss eines langen, sonnigen Tages.“

Es gab allerdings natürlich auch wahnsinnig viele Herausforderungen, eine davon beschreibt Felix wie folgt:

„Eine sehr eindrückliche und herausfordernde Situation war das Verhalten eines Jungens, Artur, der jedes Mal, wenn er auf die Toilette gehen musste, das Bedürfnis verspürte, sich und das Bad mit deren Inhalt voll zu schmieren. Man hat sehr klar gemerkt, dass er wusste, dass ihm das nicht erlaubt war und er hat scheinbar auch keinen Gefallen daran gefunden, danach geduscht werden zu müssen. Trotzdem haben wir es die gesamte Freizeit über nicht geschafft, ihn davon abzuhalten. Die Erfahrung hat mich sicherlich für die unangenehmeren und anstrengenderen Aspekte der Arbeit im Kinderheim sensibilisiert. Es war sehr schwierig für mich, die Geduld zu bewahren und mir darüber bewusst zu bleiben, dass ich ihm nicht auf die selbe Art Absicht unterstellen sollte, wie ich es bei anderen Kindern tun würde, ohne dabei einem falschen Fatalismus zu verfallen und zu glauben, dass an dem Verhalten letztlich nichts zu ändern sei.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir persönlich noch, wie einer unserer Jungs ganz entrüstet und mit erhobenem Zeigefinder mit der Musikbox in der Disko schimpft, nachdem diese plötzlich viel lauter geworden ist. Oder mit welcher Begeisterung man zu einem Lied immer nur im Kreis laufen kann. Was auch beeindruckend war, wie schnell sich die Teilnehmer teilweise entwickelt und nach ein paar Tagen plötzlich ganz anders verhalten haben. Nicht zuletzt hat die Arbeit auch durch die belarussischen Freiwilligen sehr viel Spaß gemacht und man konnte viel voneinander lernen. Ich freue mich deshalb auf weitere bunte, laute, lustige und manchmal auch nachdenkliche Begegnungen mit Menschen mit und ohne Behinderung in Belarus oder anderswo.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Frühjahrs-MV in Hamburg

Wenn sich Menschen aus ganz Deutschland und Belarus in einem Wohnzimmer in Hamburg treffen um Ideen auszutauschen, neue Projekte zu planen, aber auch um gemeinsam zu kochen und einander wiederzusehen und wenn das alles noch zweisprachig auf Russisch und Deutsch stattfindet, dann ist wieder Kanikuli-Mitgliederversammlung.

Die erste Mitgliederversammlung dieses Jahr, welche am 4. und 5. Mai in Hamburg stattfand, war wohl mit 17 Teilnehmer*innen die zahlenmäßig Größte. Besonders bereichernd war, dass die aktuellen belarussischen Freiwilligen Uljana und Lyosha an der Versammlung teilnehmen konnten.

Sie berichteten eindrucksvoll über ihre Arbeit im Kinderheim Novinki und schlugen viele neue Projektideen vor, wie zum Beispiel mit den Heimbewohner*innen an Kunst- und Theaterfestivals teilnehmen, sowie Workshops zu sexueller Selbstbestimmung und Selbstverteidigung machen. Besonders erfreulich war, dass so viele spannende  Projektideen vorgeschlagen wurden, dass wir uns  entscheiden müssen, welche der vielen Vorschläge realisiert werden können.

Neben den Berichten der aktuellen Freiwilligen und der Projektvorstellungen, wurde auch ein neuer Mentor für die deutschen Freiwilligen in Belarus gewählt.

Die Versammlung war auch deshalb so nährreich, weil sie ebenfalls ein großes Wiedersehen zwischen den Freiwilligen aller Generation war. Voller Motivation für neue Projekte und Initiativen verließen die Kanikulimitglieder die Versammlung. Die nächste MV ist für November geplant.

Clara Schilke