Ferienfreizeit für Kinder 2019

von Marlene (ASF-Freiwillige 2018/19)

10 Tage lang von Allem ganz viel. So würde ich die Freizeit für Kinder mit Behinderung beschreiben, die vom 25. Mai  bis 3. Juni in einem Vorort von Minsk stattgefunden hat. Viel Spaß, viel gelacht, viel getanzt, viel gebastelt, viel gelernt (zum Beispiel oft den Imperativ im Russischen geübt) – kurz: viel gegeben und noch mehr zurückbekommen. Das Einzige, was ein bisschen zu kurz kam war der Schlaf, aber das ist ja eigentlich immer so. Wir, die fünf ASF-Freiwilligen in Belarus, sind zusammen mit einheimischen Freiwilligen und einer Psychologin aus dem Kinderheim von Novinki auf ein Ferienlager nach Zdanovicy in der Nähe von Minsk gefahren. Ermöglicht wird die jährliche Fahrt von Kanikuli e. V. Das Ferien-Lager setzt in „eins zu eins Betreuung“ mehr Personal ein, um den Kindern mehr Aufmerksamkeit geben und individueller auf sie eingehen zu können  als dies im Alltag der Fall ist. Dieses Jahr waren wir mit 12 Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren mit unterschiedlichen Behinderungen unterwegs.

In der Anlage, in der wir untergebracht waren, gibt es einen See, Sportplätze und ein schönes Außengelände. Dank des Wetters konnten wir auch viel draußen machen. Neben Anwendungen wie Massagen oder einem Raum mit Salz für die Atemwege haben wir viel gebastelt, Ball gespielt oder in der Disko abends ordentlich getanzt. Ich musste aber immer wieder feststellen, wie kurz die Zeit doch ist, um wirklich etwas zu machen. Essen, (Mittags)Schlaf, anziehen, waschen usw. ist nämlich immer eine ganz schöne Prozedur.

Gestartet sind wir dabei mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Während einige von den Freiwilligen schon länger in Novinki arbeiten und die Jugendlichen auch schon kannten, habe ich das erste Mal mehr mit Kindern mit Behinderung zu tun gehabt und fand das total bereichernd. Klar, manchmal kommt man auch an seine Grenzen, wenn man jeden Tag aufs neue diskutieren muss, ob die Kleider, die die Kinder gerne anziehen würden, dem Wetter entsprechen und ob man nach der Toilette Hände wäscht oder doch lieber direkt zum Essen entwischt. Gleichzeitig entstehen immer so viele lustige Momente und es wird absolut nie langweilig. 

Hier beschreibt Emily zum Beispiel einen ihrer persönlichen Lieblingsmomente:

Natürlich war wie immer auch die Disko besonders beliebt, und dort haben wir einige sehr eindrucksvolle Abende miteinander verbracht.Einer der lustigsten Momente für mich war allerdings woanders. Es war einer der letzten Abende in der zweiten Hälfte des Lagers. Eigentlich war es schon Zeit zum ins Bettgehen, aber wir saßen noch draußen auf der Terrasse, weil der Abend so warm war. Eine der anderen Freiwilligen hat nochmal Musik angemacht und eins der Mädchen, Lisa, ist sofort drauf angesprungen. Sie hat lautstark mitgesungen, getanzt und gelacht. Besonders „This Love“ von Maroon 5 hatte es ihr angetan. Die andere Freiwillige hat mich aufgefordert im Refrain einzustimmen, aber ich kannte den Text leider gar nicht. Also habe ich hauptsächlich die Melodie mitgesungen. Aber das hat auch gar nicht so viel gemacht, weil Lisa dafür umso lauter mitgesungen hat. Sie hatte unglaublich viel Spaß und hat uns immer weiter motiviert, mitzumachen, sodass wir bis spät in den Abend noch da saßen, gesungen, getanzt und gelacht haben. Es war ein sehr schöner Abend gegen Ende des Lagers und ein toller Abschluss eines langen, sonnigen Tages.“

Es gab allerdings natürlich auch wahnsinnig viele Herausforderungen, eine davon beschreibt Felix wie folgt:

„Eine sehr eindrückliche und herausfordernde Situation war das Verhalten eines Jungens, Artur, der jedes Mal, wenn er auf die Toilette gehen musste, das Bedürfnis verspürte, sich und das Bad mit deren Inhalt voll zu schmieren. Man hat sehr klar gemerkt, dass er wusste, dass ihm das nicht erlaubt war und er hat scheinbar auch keinen Gefallen daran gefunden, danach geduscht werden zu müssen. Trotzdem haben wir es die gesamte Freizeit über nicht geschafft, ihn davon abzuhalten. Die Erfahrung hat mich sicherlich für die unangenehmeren und anstrengenderen Aspekte der Arbeit im Kinderheim sensibilisiert. Es war sehr schwierig für mich, die Geduld zu bewahren und mir darüber bewusst zu bleiben, dass ich ihm nicht auf die selbe Art Absicht unterstellen sollte, wie ich es bei anderen Kindern tun würde, ohne dabei einem falschen Fatalismus zu verfallen und zu glauben, dass an dem Verhalten letztlich nichts zu ändern sei.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir persönlich noch, wie einer unserer Jungs ganz entrüstet und mit erhobenem Zeigefinder mit der Musikbox in der Disko schimpft, nachdem diese plötzlich viel lauter geworden ist. Oder mit welcher Begeisterung man zu einem Lied immer nur im Kreis laufen kann. Was auch beeindruckend war, wie schnell sich die Teilnehmer teilweise entwickelt und nach ein paar Tagen plötzlich ganz anders verhalten haben. Nicht zuletzt hat die Arbeit auch durch die belarussischen Freiwilligen sehr viel Spaß gemacht und man konnte viel voneinander lernen. Ich freue mich deshalb auf weitere bunte, laute, lustige und manchmal auch nachdenkliche Begegnungen mit Menschen mit und ohne Behinderung in Belarus oder anderswo.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Frühjahrs-MV in Hamburg

Wenn sich Menschen aus ganz Deutschland und Belarus in einem Wohnzimmer in Hamburg treffen um Ideen auszutauschen, neue Projekte zu planen, aber auch um gemeinsam zu kochen und einander wiederzusehen und wenn das alles noch zweisprachig auf Russisch und Deutsch stattfindet, dann ist wieder Kanikuli-Mitgliederversammlung.

Die erste Mitgliederversammlung dieses Jahr, welche am 4. und 5. Mai in Hamburg stattfand, war wohl mit 17 Teilnehmer*innen die zahlenmäßig Größte. Besonders bereichernd war, dass die aktuellen belarussischen Freiwilligen Uljana und Lyosha an der Versammlung teilnehmen konnten.

Sie berichteten eindrucksvoll über ihre Arbeit im Kinderheim Novinki und schlugen viele neue Projektideen vor, wie zum Beispiel mit den Heimbewohner*innen an Kunst- und Theaterfestivals teilnehmen, sowie Workshops zu sexueller Selbstbestimmung und Selbstverteidigung machen. Besonders erfreulich war, dass so viele spannende  Projektideen vorgeschlagen wurden, dass wir uns  entscheiden müssen, welche der vielen Vorschläge realisiert werden können.

Neben den Berichten der aktuellen Freiwilligen und der Projektvorstellungen, wurde auch ein neuer Mentor für die deutschen Freiwilligen in Belarus gewählt.

Die Versammlung war auch deshalb so nährreich, weil sie ebenfalls ein großes Wiedersehen zwischen den Freiwilligen aller Generation war. Voller Motivation für neue Projekte und Initiativen verließen die Kanikulimitglieder die Versammlung. Die nächste MV ist für November geplant.

Clara Schilke

Der Runde See 2018 – ein ausführlicher Erfahrungsbericht

Bericht: Anna Yashina, Pasha Andreyuk, Lena Makarovich und Nikolaj Rosolyuk
Fragen: Anna Yashina
Übersetzung: Jonas Wildermuth

Die Ferienfreizeit „Runder See“ ist das einzige Zeltlager, in dem Jugendliche aus Belarus (nicht nur) aktive Erholung mit intensiver „Bildung in der Natur“ kombinieren. Und da Menschen mit verschiedenen körperlichen Behinderungen an all seinen Events teilnehmen können, wird dieser Ort wirklich einzigartig.

Bekanntlich ist die beste Methode, um sich zu vergewissern, dass ein Projekt Leuten wirklich von Nutzen ist, es über einen längeren Zeitraum zu testen. Das Integrationssommercamp-Seminar „Runder See“ feierte 2018 seinen 20. Geburtstag und erreicht damit fast das Durchschnittsalter der Teilnehmenden. In dieser Zeit entwickelte sich daraus eine „offene Plattform“, in der junge Menschen, über sie betreffende, interessante Themen diskutieren und lernen auf Dinge aufmerksam zu machen, die oft in der Eile unbeachtet bleiben. Auch um einen Ausweg aus ungewöhnlichen Situationen zu finden. Sie schlüpfen in verschiedene, manchmal auch für sie ungewöhnliche Rollen – Generell entwickeln sie Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihnen in ihrem Alltag sicher nützlich sind.

Aber das ist nicht einmal die Hauptsache. Wenn Sie die „routinierten“ Teilnehmenden bitten, das Lager zu beschreiben, werden sie definitiv zwei Hauptaussagen nennen: Das wäre zum einen die einzigartige Atmosphäre und zum anderen die Herzlichkeit (in der jeder sehr schnell zu sich selbst wird) zu den Menschen, die hierherkommen.Diese Unterschiede sind zwar manchmal seltsam, aber da sie den Geist des Umgangs untereinander einfangen, auch sehr interessant.

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Und alles beginnt mit der Ankunft der Freiwilligen. Hier ist er – der erste Teil eines großen Events, sein „harterStart“. Durch den Kraftaufwand von 12-14 Freiwilligen, entsteht auf der bisher leeren Waldlichtung eine richtige Zivilisation. Ihre Aufgabe besteht darin, ein bewohnbares Camp für rund 50 Personen zu errichten. Dazu gehören Orte zum Kochen, zum Lagern von Ressourcen, die Errichtung eines Bads, eines Speisesaals und natürlich, einer Toilette (inkl. Rampen und Haltegriffe für diejenigen, die Gehhilfen oder Rollstühle benutzen). Dafür haben wir vier Tage, was zwar auf den ersten Blick als ausreichend erscheint, in der Praxis hingegen sieht das ganz anders aus.

Freiwilligenarbeit bedeutet einerseits harte Arbeit, Konflikte, Streitigkeiten und manchmal auch beleidigende Worte. Es braucht eben Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, um zu verstehen, wer welche Funktionen übernehmen kann und möchte. Andererseits ist es eine gute Gelegenheit, sich von den eigenen Problemen abzulenken und neues zu lernen, was in den Gegebenheiten der Stadt selten möglich ist.

Was man beim „Runden See“ lernen kann: (Eine von einem Freiwilligen vorgeschlagene unvollständige Liste):

1) Das Hirn einschalten
2) buddeln
3) einen Hammer benutzen
4) Holz hacken (Holz ist unterschiedlich und wird unterschiedlich zerkleinert, und wie!)
5) das Ignorieren von Mückenstichen, Schnaken und Ameisen
6) wie man ein Zelt aufstellt
7) in einem Schlafsack schlafen (damit es nachts nicht kalt wird)
8) unabhängiger werden (da die anderen um dich herum im Normalfall beschäftigt sind und sie keine Zeit haben, deine Probleme zu lösen. Es wird zwar geholfen, setze aber nicht darauf, dass du alles anderen aufhalsen kannst)
9) ein Feuer machen (Profis machen es ohne Streichhölzer und Brenner)
10) wie man Essen für 50 Personen über dem Feuer kocht (zudem ist es sehr lecker und gesund)
11) wie man sich mit Birkenzweigen in der Banja „auspeitscht“(ja, wir haben ein Sauna)
12) Schlagzeug spielen (ein Schlagzeug gibt es auch)
13) einen Rollstuhl reparieren
14) Luftmatratzen aufblasen und reparieren
15) den Handy-Akku auf 17 Tage verteilen
16) einen 40-Liter-Topf durch putzen und waschen vom Ruß befreien
17) wie man Nägel schraubt (weil die Schrauben alle sind) und wie man Schrauben hämmert (weil der Schraubendreher abgestumpft ist)
18) Rampen und Geländer entwerfen und bauen
19) mit verschiedenen Leuten kommunizieren
20) konstruktive Kritik akzeptieren
21) äußern von Meinungen
22) Prioritäten setzen
23) sich in kaltem Wasser waschen

Und auch die Freiwilligen nehmen am Runden See teil und haben ebenfalls die Möglichkeit, alle im Lager verfügbaren Rollen auszuprobieren: Sie können an den Bildungsangeboten teilnehmen (dabei werden die Freiwilligen normalerweise in jeweils zwei Gruppen aufgeteilt, die sich im Laufe des Tages abwechseln: Einige haben Küchendienst, andere beteiligen sich an den Trainings) und schaffen die Voraussetzungen, damit diese stattfinden können. Auch als Freiwilliger muss man Arbeiten und zwar mit den Händen und dem Kopf.

Genau in diesem Teil des Lagers, während die Gruppe noch relativ klein ist, ist es leichter Zeit zu finden, welche man mit sich allein verbringen kann. Um Beispielsweise die Aussicht auf wunderschöne Sonnenauf- und -untergänge, den Sternenhimmel vor dem Hintergrund des Mondes, sowie dessen Abbild in der spiegelglatten Oberfläche des Sees, zu genießen.

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Mit der Ankunft der Hauptteilnehmenden ändert sich grundsätzlich alles. Jetzt ist alles voller Menschen, es wird viel geredet, und der wichtigste Teil des Lagerlebens und dessen Bewohnenden beginnt, das Bildungsprogramm. Kurz gesagt, die Aufgabe der Führungskräfte besteht darin, die Teilnehmenden in bestimmte Situationen zu bringen und ihnen die Gelegenheit zu geben, über diese nachzudenken und zu diskutieren, damit sie daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen können. All dies hilft eine andere Sichtweise auf sich und sein eigenes Leben zu gewinnen. Plötzlich hört man auf, Menschen mit Behinderungen wie Kristallvasen zu behandeln, die nur gehätschelt und getätscheltund vom Staub befreit werden müssen, und erkennt, dass es gewöhnliche Menschen sind: Diejenigen, mit denen man über das Leben sprechen und über alte Witze lachen kann.

Natürlich fällt das Programm jedes Jahr sehr unterschiedlich aus, da nämlich alles (na gut oder fast alles) von den Leuten abhängt, die daran teilnehmen. Umso aktiver die Menschen sind, desto lustiger und interessanter werden alle Aktionen.

Die Minsker Elena Makatovich (Lena) und Nikolai Rosolyuk (Kolja) waren einverstanden, mit mir über das zu sprechen, was beim Runden See 2018 passierte. Die beiden fuhren, auf Einladung ihrer Freundin Kati zum ersten Mal mit ins Lager. Diese möchte sich zusammen mit anderen Helfenden, in der Rolle eines „Trainers“ versuchen. Die Trainer*innen beschäftigen sich mit der Entwicklung und Durchführung des Bildungsprogramms im Lagerseminar.

Ich: Ich frage gleich einmal, wie sich junge Leute eine solche Freizeit, vor deren Beginn, vorgestellt haben?

Lena: Ich hatte extrem vage Vorstellungen vom Lager. Diese repräsentierte nicht die gesamte Situation, das Gleichgewicht des Lebens, den Grad der Beschäftigung und andere Dinge. Ich wusste, dass es viele Aktivitäten und methodische Aufgaben geben wird, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es manchmal gar eine „Gehirnexplosion“ (Lächeln) gibt. Ich habe gesehen, dass Katja und andere Trainer*innen das Programm sorgfältig vorbereitet haben, und ihre Bemühungen haben wirklich hervorragende Ergebnisse hervorgebracht!

Kolja: Ich war sofort interessiert, als ich von dem Lager hörte. Ich habe einen Freund aus Kindertagen mit einer Zerebralparese, aber darüber hinaus habe ich keine näheren Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung gemacht. Ich habe nicht einmal versucht, mir Pläne für diese 10 Tage zu erstellen, aber heute bin ich froh, dass ich hierhergekommen bin!

Ich: Und dennoch, welche Schwierigkeiten hattet ihr?

Lena: Seltsamerweise war die Notwendigkeit viele Menschen kennenzulernen und mit dieser großen Gruppe an Leuten zu kommunizieren, das Schwierigste für mich. Aber auch die Teilnahme am Spiel, in dem wir in Elite und Nichtelite aufgeteilt wurden, fiel mir schwer.

(Anmerkung des Verfassers: Eine Gruppe von Eliten bildete sich ungefähr in der Mitte des Lagers. Unter ihnen waren die Teilnehmenden, die bis zu diesem Zeitpunkt das meiste Geld verdienen konnten. Die Elite musste Steuern einnehmen, die Umsetzung der Gesetze überwachen, im allgemeinen die Funktionen ausführen, die normalerweise der Staat übernimmt. Dass dieser Moment Lena nicht kalt ließ, wurde Beispielsweise sichtbar, als sie bemüht war, von der herrschenden Minderheit herauszufinden, ob ihnen dieser Tag gefällt und wie sie generell dazu stehen, was hier gerade passiert. Manchmal scheint es mir so, dass nur der Runde See, bei einem „Spiel“, solche aufrichtigen Emotionen bei Erwachsenen verursachen kann.)

Zum Ersten: Ich bin nicht gerade eine sehr gesellige Person und manchmal fällt es mir schwer, Kontakte zu knüpfen. Dabei reicht eine große Anzahl von Fremden, sowie der Fakt dass viele von ihnen eine Behinderung haben, nicht aus, um das Problem zu lösen. Jedoch wusste ich sehr genau, wohin ich mich begebe und war für die Tatsache bereit, dass ich dazu viele neue Leute kennenlernen werde und mit ihnen zusammenleben muss. 
Aber auf die Methode „mit der Elite und dem Rest“ war ich nicht vorbereitet. Ich bin immer noch erstaunt, wie sehr mich diese Unterteilung getroffen hat.

Ich: Worauf genau beziehen sich deine Erfahrungen?

Lena: Zum Beispiel hat mich der kostenpflichtige Pier schockiert! (Lächelt) (Anmerkung des Verfassers: Eine hölzerne Plattform auf dem Wasser, auf der sich die „Residenz“ der privilegierten Gruppe befand) Außerdem habe ich bemerkt, wie sich das Verhalten einiger Mitglieder innerhalb der Elite verändert hat. Auf der anderen Seite wollte ich selbst nicht in diese Gruppe. Ich möchte nicht die Macht an mich reißen, auch nicht im realen Leben. Wahrscheinlich möchte ich einfach keine Verantwortung für andere übernehmen.

Unterdessen gibt Kolja bescheiden zu, dass für ihn die ersten zwei Tage am schwierigsten zu sein schienen, bis sich alle langsam kennenlernten, endlich Mut fassten und miteinander zu reden begannen.

Kolja: Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich bei der offenen Wahl zum Lagerleiter gewählt wurde. Ich verspürte eine ganze Reihe verschiedener Emotionen, zum Großteil negative. Ich habe das nicht angestrebt und wollte diese Verantwortung einfach nicht übernehmen.

Ich: Und wenn ich euch bitte, eure persönlichen drei Highlights des Lagerlebens ins Gedächtnis zu rufen, welche Beispiele würdet ihr nennen?

Kolja: Es gab viele Highlights und unvergessliche Momente! Das und die Emotionen der Menschen, alle möglichen Vorfälle,aber lieber möchte ich von den Übungen erzählen, die mir besonders aufgefallen sind.

Die Erste habe ich bereits erwähnt. Dies war, als die Gruppe mit geschlossenen Augen und einem gemeinsamen Marker, den jeder der Teilnehmenden an einer Schnur angebunden hatte, gemeinsam das Wort „Leiter“ schreiben musste. Bei dieser Aufgabe hat mich das Resultat sehr erfreut, auch wenn ich nicht bereit war, dafür die Führungsrolle zu übernehmen.

(Anmerkung des Verfassers: Während dieser Übung sollte jede der drei Gruppen das Wort „Leiter“ mit der von Nikolai beschriebenen Methode „zeichnen“. Alle Mitglieder der Gruppe sahen also nichts, außer ihrer Leitperson, die die Aufgabe ihrer “Augen” übernehmen und dem Rest beschreiben sollte, was sie zu tun hatten. Dafür wurde Kolja in einer offenen Abstimmung zur Leitung einer Gruppe gewählt. Die zweite Gruppe überließ, mit Hilfe von Losen, dem Zufall die Wahl ihrer Führungshilfe. Währenddessen blieb die dritte Mannschaft ohne Hilfe und musste in völliger Dunkelheit agieren. Das Resultat beeindruckte und freute Kolja, dass genau die letzte Gruppe, ohne Hilfe von außen, gewinnen konnte. Dies bestärkte seine Meinung, dass eine Führungsperson in solchen Fällen die Menschen nur daran hindert, sich aufeinander einzustellen.)

Mein Gesprächspartner ist sich übrigens immer noch sicher, dass ein solches Szenario vorhergesehen wurde. Obwohl die Coaching-Gruppe nichts geplant hat, wären sie mit jedem anderen Ergebnis gleichermaßen zufrieden gewesen.

Die zweite Übung hieß „Mit Haferbrei und Gefangenen“. (Anmerkung des Verfassers: Hier musste das Getreide aussortiertund die an den Baum gebundenen Mitglieder des Teams befreit werden). So wie alle versuchten, die Decke zu sich zu ziehen, konnten oder wollten sie sich nicht einigen. Schließlich konnte jeder buchstäblich innerhalb einer Stunde freigelassen werden, indem er sorgfältig überlegte und die richtigen Entscheidungen traf. 

Die dritte Übung hieß „Kernen und Schalen“. (Anmerkung des Autors: Die Aufgabe der Teilnehmenden bestand darin, eine Katastrophe zuvermeiden) Alle haben es als Spiel wahrgenommen und fokussierten sich auf die Geheimschrift. Es war jedoch notwendig aufeinander zu zählen und sich auf die Nebensächlichkeiten zu fokussieren. Aber nein, sie haben mit der Geheimschrift gespielt…und mehre Millionen Menschen verloren!

Lena: Ich erinnere mich noch an die Abendprogramme, die von den Teilnehmenden vorbereitet wurden. Sie verbanden und helfen dabei, Talente ans Tageslicht zu bringen, in dem man sich in etwas Neuem probiert. Oder an die Aufgaben in großen Gruppen, zum Beispiel die, bei der ein Fass mit Erde befüllt werden sollte, hierbei musste jeder aus dem Team bei der Befüllung helfen. Diese Aufgabe hat dazu beigetragen, unseren Teamgeist zu stärken!

Ich: Was fiel euch, bei der Interaktion mit Menschen mit Behinderung, am schwierigsten?

Kolja: Wie schon gesagt, die ersten drei Tage erwiesen sich als die schwierigsten. Dann wurde mir klar, dass alles, was sich in meinem Kopf festgesetzt hatte, dumme Vorurteile waren. Trotzdem ist es sehr unfair, dass es so interessante, intelligente und aktive Menschen gibt, die durch den Willen des Schicksals in ihren Körpern gefangen sind und dieser ihnen verdammt nochmal nicht gehorcht.

Dazu muss gesagt werden, dass Lena keine besonderen Probleme in der Interaktion zwischen „gesunden“ und Menschen mit Behinderung sah.

Ich: Und wer profitiert mehr von solchen Events, Menschen mit oder ohne körperliche Behinderung?

Lena: Events wie der Runde See sind sowohl für Menschen mit Behinderungen als auch für „gesunde“ Menschen von Nutzen. Es gelingt eben nicht immer ein aktives Leben zu führen und mit neuen Menschen zusammenzukommen. Der Runde See ist ein Ort, an dem all dies möglich ist. Interessante methodische Aufgaben und Spiele, Natur und frische Luft, ein Szenenwechsel und vor allem Kommunikation und Diskussion über akute Probleme – das was uns allen im Alltag manchmal fehlt. Es ist hilfreich und interessant in einem. Ich hoffe, dass ich wieder hierherkommen werde.

Kolja: Für gesunde Menschen ist es eine erstaunliche Chance, Vorurteile abzubauen und Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu sammeln. Gleichzeitig ist es für Menschen mit Behinderungen eine Gelegenheit, interessant, aktiv und abwechslungsreich Zeit zu verbringen. Also wahrscheinlich (lächelt).

Zum Schluss bitte ich Kolja, denjenigen, die zum ersten Mal hierherkommen, ein paar praktische Ratschläge zu geben.

– Verschwendet keine Zeit! Lernt lieber alle kennen und beteiligt euch so aktiv wie möglich an allen Aktionen! – Nicolai beendet unser Gespräch begeistert.

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Kolja und Lena haben alles was passiert ist, ausführlich beschrieben – das Programm hat sie wirklich beeindruckt. Obwohl es meistens von Personen ausgearbeitet und realisiert wird, die sich nicht professionell mit der Thematik befassen. Darin liegt ein weiteres Merkmal des Camps und es beweist, dass sich jeder in der Leitung oder als Trainer*in versuchen kann.

Es reicht aus, sich mit den Menschen vom belarussischen Jungendverband „Verschiedene-Gleiche“ in Verbindung zu setzen, sie werden von ihren Projekten berichten. Nun und weiter… lernen, lernen und nochmal lernen! Sie erklären euch innerhalb von sechs Monaten (+/- ein paar Monate), wie man sich Ziele und Aufgaben setzt, eine Logik aufbaut, Übungen auswählt und anpasst. Außerdem gibt es danach die Möglichkeit, diese auch anzuwenden. Natürlich wird es nicht einfach! Aber definitiv interessant und sehr nützlich für die Selbstentwicklung, es lohnt sich also!

Aber die zehn Tage, deren Vorbereitung so viel Zeit und Mühe kosten, verfliegen normalerweise im Wind. Und nachdem die Teilnehmenden abgereist sind, beginnt der dritte, trostloseste Teil des „Runden Sees“. In dem die Freiwilligen das leere, vor kurzem noch mit eigenen Händen erschaffene Lager, nach zwei intensiven Wochen, voller Nostalgie abbauen und hoffen, dass sie nächstes Jahr wieder hierher zurückkehren können…

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Sonnenkur 2018

Übersetzung: Charlotte Sautier

Vom 19.-25. Juni nahm ich an der Freizeit für Kinder mit Besonderheiten in der Entwicklung teil. Die Gruppe bestand aus jeweils acht Kindern und Freiwilligen. Die Kinder hatten vielfältige Behinderungen, nur drei von ihnen, Zahar, Andreij und Dimka konnten laufen.

Mittwoch, 20. Juni

Der Tag war sonnig und sehr heiß. Nach dem Frühstück brachen wir auf zum Strand. Dort legten wir die Kinder auf eine Decke und bauten einen großen Sonnenschirm auf. Anechka begann zu kichern und Vovka umarmte Olenka, Virginia schlief ein. Der Freiwillige Dima stützte Zahar und führte ihn über den Sand. Zahar war sehr zurückhaltend in seinen Emotionen und so wussten wir nicht genau ob ihm das Laufen gefiel. Der Junge gab nur einzelne Laute von sich und lächelte zu Beginn der Freizeit fast nie.

Am Strand lernten wir Freiwilligen uns besser kennen – für alle Beteiligten war es die erste Erfahrung in der Freiwilligenarbeit.Bei Spaziergängen über das Gelände des Erholungsheims sahen wir öfter verwunderte Blicke anderer Kinder, die ihre Neugier nicht verbergen konnten. Einmal wurden wir Zeugen eines Gesprächs, in welchem eine Achtjährige ihrem Altersgenossen erklärte: „Guck mal, das Kind ist nicht normal“, woraufhin der Junge erwiderte: „Und du selber bist normal?“. Dass sich die Meinungen unterscheiden ist schon mal ermutigend. Bei der Kantine hatte man eine Rampe errichtet, aber aus irgendeinem Grund achtete niemand darauf, dass es auch Kinder im Rollstuhl auf dem Gelände gab. Es war allen egal, sodass wir immer warten mussten, bis alle anderen Kinder vorbei gezogen waren, denen es auch gemütlicher schien die Rampen zu benutzen.

Samstag, 23.06.

Das Wetter wurde schlecht. Die Kinder hatten wenige warme Sachen dabei und draußen regnete es. Wir beschlossen, T-Shirts zu bemalen. Der Freiwillige Vasja war Künstler. Er versuchte mit Andrej ein Shirt zu bemalen, während der versuchte die Farben zu essen. Danach ergoss sich das farbige Malwasser über den Tisch. Dennoch vollendeten sie das Projekt.

Den Kindern war anzusehen, dass sie Farbe und dicke Wangen bekommen hatten. Dimka wollte gar nicht mehr im Rollstuhl sitzen, sondern lief an der Hand ‚seines‘ Freiwilligen herum.

Zhenja stellte für Vovka Musik an und der lächelte. Endlich hatten wir gefunden, was ihn glücklich machte. Am besten gefiel ihm die Sängerin Dido.

Die anderen Kinder im Erholungsheim begannen uns die Türen aufzuhalten und den Weg zu räumen. Sie erschraken nicht mehr so sehr vor uns und boten Hilfe an.

Sonntag, 24.06.

Es wurde wieder wärmer draußen und wir begaben uns in die Waldlaube. Alle hatten sich inzwischen so angefreundet, dass die Atmosphäre sehr herzlich war. Ich hörte ein leises wunderschönes Lachen – Nastja, die auf ihren Wangen herumkaute und glücklich aussah. Zahar lief schon fast alleine, Dima stützte ihn kaum noch. Als Dima beim Abendessen einen anzüglichen Witz machte lachte Zahar mit uns mit. Wir gratulierten Dima, dass es ihm gelungen war den traurigen Jungen zum Lachen zu bringen.

Wir Freiwilligen hatten ein Gespräch darüber wie es weitergeht und wie wer eigentlich wem mehr Freude bereitet, wir den Kindern oder die Kinder uns. Die Frage bleibt unbeantwortet.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Herbst-Mitgliederversammlung 2018 in Leipzig

Am 10.11.2018 fand die zweite diesjährige Mitgliederversammlung in Leipzig statt. Themen waren zum einen die abgelaufenen Projekte von 2018, beispielsweise die Ferienfreizeiten. Hier bekamen wir durch die frisch zurückgekehrten Freiwilligen Charlotte, Clara und Jonas einen lebhaften und spannenden Bericht über Ablauf, Erfolge und Schwierigkeiten. Auch unser Freiwilligenprojekt, im Rahmen dessen wir nach einer erfolgreichen einjährigen Pilotphase nun seit September mit Uljana Draschina noch eine zweite belarussische Freiwillige beschäftigen wurde besprochen und analysiert. Schwierigkeiten ergeben sich vor Allem noch bei der Gewährleistung der intensiven Betreuung der Freiwilligen sowie bei der langfristigen Finanzierung des Projekts.

Des weiteren beschlossen wir einen schon länger erwogenen Umbau unserer Vereinsarbeit. Für die Unterstützung bei administrativen und organisatorischen Aufgaben schreibt Kanikuli unter den Vereinsmitgliedern eine Stelle mit etwa acht Stunden Arbeit im Monat aus. Diese steigende Professionalisierung des Vereins soll insbesondere den Vorstand bei seiner Arbeit entlasten. Ein Hintergrund hierfür ist die zunehmende Anzahl von Nachwuchs und die steigende Berufstätigkeit der Vereinsmitglieder.

Neben inhaltlicher Arbeit gab es auf der Mitgliederversammlung auch Zeit für informellen Austausch und ein schönes gemeinsames Abendessen. Für die nächste Versammlung nehmen wir viel Vorfreude mit und die Idee, dass wir versuchen werden für die anwachsende Kinderschar eine Kinderbetreuung zu organisieren.

Eindrücke vom Runden See 2018

von Flora Fuchs

Pünktlich zum Ende eines langen Sommers, in dem in Belarus wieder viele Freizeiten und Projekte durchgeführt wurden, berichtet Flora vom Runden See. Als neues Mitglied bei Kanikuli hat Flora sich im Frühjahr entschieden, zur inklusiven Sommerfreizeit von Raznye-Ravnye zu reisen und gibt hier einen kleinen Einblick:

„Dieses Jahr stand das alljährliche Treffen „Krugloje Ozero“ (Runder See) unter einem ganz besonderen Motto. Das inklusive Sommerlager, veranstaltet und organisiert durch die belarusische Organisation Raznye-Ravnye, feierte sein 20-jähriges Bestehen!

Fünf Tage vor dem Beginn des Zeltlagers trafen sich in Minsk dreizehn motivierte junge Erwachsene und die beiden Organisator*innen von Raznye-Ravnye, Vadim und Polina, um drei Busse mit allerlei Materialen, Werkzeugen und Lebensmitteln für den Runden See zu beladen. Vollgepackt bis unters Dach ging es dann in das knapp 65km entfernte Akalova.

Jeder Tag der Aufbauwoche begann früh um 8 Uhr und endete um 21 Uhr. In abwechselnden Kleingruppen wurde eine Toilette errichtet, die auch barrierefrei zugänglich war, eine Banja (Sauna) gebaut und sehr viel Krach gemacht. In der Banja konnten wir nach 4 harten Tagen des Aufbaus zum ersten Mal gemeinsam entspannen. Ging man nach dem Schwitzen schwimmen, konnte man mit viel Glück Sternschnuppen vom Himmel fallen sehen.

Als die Busse mit den Teilnehmer*innen im Lager eintrafen, herrschte große Wiedersehensfreude und Aufbaustress. So wie die Zelte, konnten auch Isomatten und Schlafsäcke geliehen werden, welche wiederum dank großzügiger Spenden neu angeschafft werden konnten. Im Anschluss fand das erste gemeinsame Mittagessen statt und Vadim, der Organisator des Lagers, klärte alle über das anstehende Programm und die notwendigen Verhaltensregeln auf.

Das diesjährige Lager widmete sich der thematischen Aufarbeitung und kritischen Reflexion von Diskriminierung. Was ist Diskriminierung? Wo fängt Diskriminierung an? Was unterscheidet Diskriminierung von Ausgrenzung? Wo sehe ich mich im Alltag von Diskriminierung bedroht? Und was kann ich gegen Diskriminierung machen? Um all diese Fragen Stück für Stück zu beleuchten und uns gegenseitig im Kampf gegen Diskriminierung zu stärken, haben wir jeden Tag der zehntägigen Freizeit Gruppenspiele gespielt, die unser gegenseitiges Vertrauen stärken und unsere Kommunikation fördern. So wurden in einzelnen Spielen deutlich, dass wir vereint als Team von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in Kooperation miteinander ans Ziel kommen.

Es gab sehr unterschiedliche Gründe für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer, aber auch Freiwillige*n an diesem Lager teilzunehmen und so kam es vor, dass manche früher abreisten oder einige Emotionen soweit hochkochten, dass geweint wurde. Aber alle fanden in dieser gemeinsamen Zeit Freunde die füreinander einstanden, die einander halfen und mit denen man am allabendlichen Lagerfeuer Lieder sang.

Das inklusive Sommerlager „Runder See“ ist ein gelungenes Beispiel für Inklusion und Empowerment. Alle Beteiligten, egal ob Freiwillige oder teilnehmende Personen, haben in dieser doch recht kurzen Zeit viel über sich selbst und ihre Gegenüber gelernt. Mit viel Reflexion und kritischer Auseinandersetzung ist wieder einmal ein ganz besonderes Lager zu Ende gegangen, auf das sich viele im nächsten Jahr freuen.“

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Sommerfreizeit für Kinder 2018

von: Clara Schilke

Mitte Mai organisierte Kanikuli zusammen mit den belarussischen und deutschen Freiwilligen, das zur Tradition gewordene Sommerlager für die Kinder aus dem Kinderheim in Novinki.

Dieses Jahr fuhren wir, die Freiwilligen, mit den Kindern wieder nach Schdanovitschi, einem Sanatorium am Rande von Minsk. Wir verbrachten dort zusammen mit den Kindern eine unglaublich intensive und erlebnisreiche Zeit.

Jeder Tag begann mit Morgengymnastik auf dem Hof, welche vom Sanatorium organsiert wurde. Danach gingen wir alle zusammen in den Speiseraum um zu frühstücken. Dann stand das Vormittagsprogramm an, welches abhängig vom Wetter zwischen Torte-Backen, Malen, Salzteig-Zubereiten oder Am-See-Spielen und Massiert-Werden variierte. Wir Freiwilligen hatten auch einige Instrumente wie Rasseln, Geige und Gitarre dabei, wodurch immer eine musikalische Untermalung des Ganzen stattfand.

Nach dem Mittagessen gab es aller zwei Tage Massagen oder Wärmelichtbehandlungen durch das Sanatorium und danach war Mittagsruhe angesagt. Am Nachmittag gingen wir meistens wieder zum naheliegenden See oder bereiten zusammen Stockbrot für das Lagerfeuer am Abend zu. Oft lagen wir auch zusammen mit den Kindern auf der Wiese in der Sonne und massierten sie oder spielten verschiedene Ballspiele, oder gingen ausgedehnt spazieren. Da sich jeder von uns um ein Kind kümmerte, merkten wir mit der Zeit immer mehr, welches Kind in welcher Situation besonders aufzugehen schien.

So liebte Sergei es unglaublich, massiert oder in der Hängematte geschaukelt zu werden, während Joshua seine Leidenschaft zur Gitarre entdeckte und Timothey die Tanzfläche der Disko gar nicht mehr verlassen wollte.

Nach diesen zehn Tagen hatte jeder von uns Freiwilligen eine unglaublich enge Beziehung zu jedem Kind, aber besonders zu dem Kind um welches man sich die zehn Tage besonders gekümmert hat.

Durch das Lager hat sich auch für uns Freiwillige die Arbeit im Kinderheim in Novinki sichtlich verbesserte. Dadurch, dass wir jetzt viele Kinder viel besser kennen, wissen wir viel besser, was wir mit ihnen im Heim unternehmen können und auch die Angestellten sind nach dem Lager viel freundlicher und aufgeschlossener.

Aber das wohl größte Geschenk für uns Freiwillige war es, die einzigartige Entwicklung jedes einzelnen Kindes mitzuerleben. Zu realisieren, wie viel in jedem einzelnen Kind steckt, ließ uns alle Anstrengung und schlaflosen Nächte immer wieder vergessen. So fingen Pascha und Vika plötzlich immer wieder an zu lachen, etwas was wir vorher noch nie bei ihnen erlebt hatten. Sergei ließ sich irgendwann umarmen und liebte es andere Kinder im Rollstuhl zu schieben.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

Mitgliederversammlung in Tübingen

Text: Hans Probst

Die diesjährige erste Mitgliederversammlung wurde in Tübingen ausgerichtet. Im Infoladen des Hausprojektes Schellingstraße trafen sich einige engagierte und interessierte Mitglieder, um über die aktuell laufenden und projektierten Aktionen zu beraten. Mit dabei war – und dies stellte ein Novum dar – die belarussische Freiwillige Ksenja, die für ein Jahr in Minsk in verschiedenen Bereichen der Arbeit mit Menschen mit Behinderung arbeitet.

Neben ausführlichen Berichten und Beratungen über Aktivitäten standen auf dieser Mitgliederversammlung erneut Wahlen des Vorstandes an. Johanna Kerber (1. Vorsitzende), Charlotte Sautier (2. Vorsitzende) und Lina Müller (Kassiererin) kandidierten allesamt wieder für ihre jeweiligen Posten und wurden wiedergewählt.

Einen zentralen Punkt während der Mitgliederversammlung nahm die Arbeit der belarussischen Freiwilligen, Ksenja, ein. Sie berichtete eindrücklich von ihren durchgeführten Projekten und umriss auch die Möglichkeit zukünftiger Arbeitsbereiche. Ein mittelfristiges Ziel soll die Einrichtung eines integrativen Cafés o.ä. sein. In diesem Kontext fällte die Mitgliederversammlung die Entscheidung, ab September 2018 zwei belarussische Freiwillige in Minsk anzustellen.

Bericht Winterfreizeit 2018

von Ksenja Golubovich
Übersetzung von Charlotte Sautier

Im Januar fuhren die Bewohner*innen des psychoneurologischen Internats in Novinki in die Winterferien. Die Ferienfreizeit fand dieses Mal nicht weit von Minsk im „Rehabilitationszentrum für Rollstuhlfahrer“ in Kolodishi statt. Diese Ortswahl bot nicht nur die Möglichkeit sich in den Häuschen zu erholen, an der frischen Luft spazieren zu gehen, sich mit Kunsttherapie zu beschäftigen und die Seele baumeln zu lassen sondern auch kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, Pizza essen zu gehen und ins Stadtzentrum zu fahren, wo ein Großteil der Teilnehmer*innen lange nicht mehr oder überhaupt noch nie gewesen war.

Wir besuchten die „Kinoschule“, wo wir Spiel- und Animationsfilme der Studentinnen und Studenten zu sehen bekamen. Wir lernten, wie man einen Film dreht, besprachen alles, was wir gesehen hatten.  Einer der Teilnehmer*innen beschloss auszuprobieren selber Bilder für einen Zeichentrickfilm zu malen.

Danach fuhren wir ins nationale Kunstmuseum, wo uns ein erfahrener und fröhlicher Experte eine erstklassige Führung gab. Die Meinungen gingen auseinander, jedem gefiel etwas anderes: den einen das Bildnis der Königin, den anderen die Landschaften oder die Skulpturen. Das Museum ist riesig und wir einigten uns darauf weiterzumachen. Bald werden wir wiederkommen und die Welt der Kunst weiter entdecken.

Die Kunsttherapeutin Dasha gab faszinierende Kurse über das Bemalen von Tassen und das Erschaffen von Zeichentrickfilmen aus Zeichnungen und kleinen Plastikfiguren. Jede*r nahm seine einzigartige Tasse mit ins Heim zurück.

Aber das ist natürlich noch nicht alles. Wir organisierten außerdem Filmvorführungen, tanzten in der Disko, schminkten uns, bastelten Collagen, bereiteten köstliche Torten und Obstsalate zu.

Außerdem malten wir viel, plauderten, lachten, lasen Modezeitschriften und gingen im Wald spazieren.

Das Projekt wurde ermöglicht durch unzählige kleine und große Spenden, sowie eine finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.