Projekt: Eine Freizeit für Kinder im Rollstuhl

Jascha und Anja

– Eine Faktenbericht über ein Pilotprojekt von Kanikuli e. V. –
von Mister Lew

»Die Aufenthalte in unserem Zentrum dauern üblicherweise 24 Tage. Ihr könnt Eure Kinderfreizeit über zwölf Tage im großen Gebäude veranstalten, danach bleibt es allerdings für zwölf weitere Tage leer stehen. Für unser Zentrum wäre es super, wenn ihr noch ein zweites Projekt in der Zeit veranstalten könntet!« So pflanzte im Januar die Planung für die jährliche Kinderfreizeit von Kanikuli den Keim für eine weitere Freizeit. Nach intensiver Kassenprüfung stellte sich heraus, dass auch der Kontostand eine weitere Anreise von Kindern aus dem Heim in Nowinki erlaubte. Bereits im März wurde die Konzeption der neuen Freizeit mit der Heimleitung von Nowinki abgesprochen. Zentrale Zielgruppe der neuen Freizeit wurden Kinder, die wegen ihrer starken körperlichen Behinderung und nötigen Pflege auf anderen Freizeiten nicht am Angebot aus Sport, Malen, Tanzen, Musizieren und Herumalbern teilnehmen könnten. Stattdessen bot das Zentrum »Nadeschda« eine individuell zugeschnittene Gruppen- und Einzelbehandlung durch Massage, Aromatherapie, Heilbäder, die einzigartige belarussische Höhlentherapie – ein feuchter Raum mit gedämpftem Licht zur Entspannung und Reinigung der Atemwege – sowie beruhigende Tees an. Die Gumpo, ein weiterer in Nowinki aktiver deutscher Verein, genehmigte und bezuschusste bereitwillig die Teilnahme ihrer für die Arbeit im Heim angestellten Physiotherapeutin an dem Kuraufenthalt. Der Umfang von 8-10 Kindern, die über eine Woche mit uns fahren sollten, wurde mit der Heimleitung unter der Auflage festgelegt, dass eine intensive Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleistet wird. Dies sollte leider dazu führen, dass wir nur sieben Kinder mitnehmen konnten.
Es gestaltete sich schwierig von Deutschland aus mitten in der universitären Prüfungszeit Ende Mai belarussische Freiwillige zu finden, die sieben Tage lang Rollstühle schieben, massieren und Windeln wechseln wollten. Letztlich fanden wir über verschiedene Mailverteiler und vKontakte-Gruppen (russisches Facebook) vier mutige und selbstlose Interessierte. Kurz vor Beginn der Freizeit ging einem Mädchen leider doch noch der Mut verloren. Es blieben drei junge Männer kurz vor und kurz nach dem Ende ihres Studiums, die nur wenige Stunden vor Beginn der Freizeit erstmals Kinder mit Behinderung zu Gesicht bekamen. Eine wichtige Baustelle für die nächsten Jahre deutet sich an: die verbreiterte Suche nach Freiwilligen über das Internet erwies sich als erfolgreich und ist ein hervorragender Weg, um in der belarussischen Gesellschaft auf die prekäre Situation in den Heimen aufmerksam zu machen. Gleichzeitig benötigt dieser Weg eine bessere emotionale und fachliche Vorbereitung der interessierten Freiwilligen, die jedoch nicht per Mail aus Deutschland zu leisten ist.
Mit von den Eindrücken des Heimes gedrückter Stimmung fuhren wir zu unserem Ferienresort im vom Heim organisierten Bus, im typischen Grün direkt aus dem Minsker ÖPNV. Nach einer guten Stunde hektischen Auspackens und flotten Kinderwickelns führte uns eine erste Erkundungstour auf das barrierefreie Piratenschiff, die Stimmung löste sich bereits. Nach wenigen Minuten auf Deck scheuchte uns der beginnende Regen bereits in den Speisesaal weiter, eine neue Aufgabe für die Freiwilligen: Füttern und neue Essästhetik. Erst am Ende der Woche sollten es alle schaffen, ihr Kind selbst mit püriertem Einheitsbrei zu füttern oder es zur selbstständigen Essensaufnahme entsprechend essthetischer Standards zu ermahnen. Nach der von Organisationsfragen durchzogenen Mittagspause folgten weitere Spaziergänge, Fortbildungen im Kinderwickeln, Klamottenwechseln, ein püriertes Abendessen und ein Besuch in der örtlichen Disko für die im Zentrum anwesenden Schulklassen. Die allabendliche Zusammenkunft zur Bewältigung neuer Eindrücke fiel nach diesem ersten Tag entsprechend lang aus. Wichtig für die Gruppendynamik war dieses tägliche Treffen sowohl zur emotionalen Entlastung der neuen Freiwilligen, als auch für den Zusammenhalt der durch individuelle Prozeduren zerfaserten Tagesstruktur, die durch gemeinsam diskutierte und gemalte Tagespläne an den Schrankwänden verbunden wurde.
Die wichtigste Ergänzung die zu den medizinischen Prozeduren auf diese Tagespläne geschrieben wurden, war ein Workshop mit Tipps an die Freiwilligen für den persönlichen Umgang und zur Weiterentwicklung des Kindes. Dafür leitete die Physiotherapeutin einen Massagekurs an, der für eventuelle Folgeprojekte in Zukunft bereits im Vorfeld oder an den ersten beiden Tagen stattfinden sollte. Abseits von Massagen, Laufenlernen und Rollstuhlfahren stellten sich auch die mitgebrachten Hängematten, Kopfhörer mit angeschlossener Musik oder Spazierfahrten als beliebte Beschäftigungen heraus. Diese Angebote waren im Gegensatz zu den aktiveren Angeboten der üblichen Kinderfreizeiten (Der Projektbericht kommt bald online!) eher darauf ausgerichtet, dass die Kinder unterschiedliche Reize wahrnehmen können und sich entsprechend ihrer Fähigkeiten aktiv betätigen.
Die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Kinder waren in unserer Gruppe breit gefächert. Von Jascha, der Sprechen und selbst Rollstuhlfahren konnte, bis hin zu Anja, die kaum schlucken konnte und fast nur durch Augenkontakt reagierte. Mit einer solchen Gruppe ist es für die Freiwilligen wichtig zu verstehen, dass viele der Kinder noch nie außerhalb des Heimes waren und abseits von Waschen und Füttern keine Einzelzuwendung erfahren haben. Manche Kinder zeigten große Veränderungen und Fortschritte in der Woche, manche jedoch nur kleine. Jascha schwamm mit Schwimmring im kalten Wasserreservoir, leitete eigene Morgenübungen an und verteilte langanhaftende Spitznamen. Dahingegen fing Anja an besser zu essen, lag nicht nur in einer Pose, lachte und weinte mehr. Gerade für neue und eventuell unsichere Freiwillige kann es wichtig sein, sich über diesen Zusammenhang von sichtbarem Fortschritt und den Möglichkeiten des Kindes bewusst zu werden. Diese Überlegungen sollten im nächsten Jahr auch für die Zuteilung der Kinder zu den Freiwilligen und Mitarbeiterinnen des Heimes eine Rolle spielen. Jascha gelang es innerhalb weniger Stunden seinem liebevoll Lila getauften Betreuer den Kopf zu verdrehen und für die ganze Gruppe zum befehlshabenden Hahn im Korb zu werden. Anjas stille Charme erschloss sich ihrem Betreuer nur langsam, bis sie nach zögerlichen Versuchen am letzten Tag von ihm ganz allein gefüttert wurde. Eine Woche nach der Rückreise ins Heim bekamen jedoch sowohl Anja als auch Jascha nochmals Besuch von ihren Betreuern und wurden Zeugen seltener, männlicher Tränen.

Diese einwöchige Freizeit war tatsächlich nicht nur Neuland für Kanikuli, sondern auch für das Heim in Nowinki. Im Unterschied zu der vorhergegangen Kinderfreizeit ging es um eine individuelle Betreuung und medizinische Therapie. Trotz der erfreulichen Entwicklung, dass inzwischen belarussische Initiativen eigene Kinderfreizeiten finanzieren und organisieren, fehlt diese Form eines therapeutischen Kuraufenthaltes noch völlig. Sowohl die mitgefahrene Mitarbeiterin des Heims, als auch die Physiotherapeutin, die belarussischen Freiwilligen und Mitarbeitenden von Nadeschda waren von dem Projekt angetan und möchten es in Zukunft unterstützen. Da ein Bedarf für diese Form von Freizeiten besteht, sollte sich Kanikuli die Frage stellen, ob wir in Zukunft weitere solche Kuraufenthalte organisieren. Ab nächsten Jahr dann außerhalb der universitären Prüfungszeit und mit einer besseren Vorbereitung der Freiwilligen.

© 2009 kanikuli e.V.